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Unser Garten spricht viele Sprachen. Hier begegnen sich Bäume und Pflanzen aus verschiedenen Zeiten, die Träume der Menschen, die hier vor uns gelebt haben, sowie unsere eigenen Erfahrungen und Gefühle.
Wir laden euch ein, die Sprachen unseres Gartens gemeinsam mit uns zu entdecken und seine Vielfalt selbst zu erleben.
Fotos und Text: Diana Ivanova / Martin Dietrich.
Archivfoto: Brigitte Dietrich
1978 – die Sprache der Hoffnung
Zwischen diesen beiden Fotos liegen fast fünfzig Jahre. Martin war damals dreizehn Jahre alt. Das alte Foto hat seine Mutter aufgenommen.
Wir lieben dieses Bild aus vielen Gründen. Es ist ein einzigartiges Dokument aus den Anfangszeiten unseres Gartens – und von der Offenheit, der Freude und der Hoffnung, die hier ihren Anfang nahmen.
Seit 2020, seit wir hier leben, hat sich unser Garten tiefgreifend verändert. Die Flut 2021 hat ihn verwundet. Doch sie hat ihn nicht zerstört – vielmehr hat sie uns geholfen, ihn neu zu sehen, ihm aufmerksamer zuzuhören und seinen eigenen Rhythmus kennenzulernen.
Unser Garten ist nie fertig. Er ist ein Garten im Entstehen. Wir genießen es, ihm Zeit zu geben und zu beobachten, wohin er uns führen möchte.
Der Vorgarten – die Sprache der Flut
Die Verwandlung unseres Vorgartens begann mit der Flut.
Ein Haus in unserer Straße musste nach der Flut abgerissen werden. Vor dem Haus standen mehrere Bäume – Akazien und zwei große, buschige Magnolien. Eines Tages sagte die Besitzerin zu mir: „Nächste Woche kommen die Bagger. Das Haus wird abgerissen, und alle Bäume werden gefällt. Wenn du möchtest und Hilfe findest, kannst du die Bäume haben.“
Über verschiedene Helfergruppen fand ich tatsächlich zwei Menschen, die mit einem kleinen Bagger kamen. Sie gruben die beiden Magnolien aus und pflanzten sie in unserem Vorgarten ein. Das war im September 2021.
Diese Rettungsaktion war der Anfang unseres neuen Steingartens. Später kamen eine weitere Magnolie, Schwarzer Holunder, ein Apfelbaum, Gräser, Stauden und Lavendel hinzu.
Die Sprache der Wildnis
Früher bestand der Garten hauptsächlich aus einer gepflegten Rasenfläche. Heute darf er an vielen Stellen bewusst wild wachsen. An anderen Orten leben Wild- und Kulturpflanzen nebeneinander.
Wir lassen uns von den Prinzipien der Permakultur und der syntropischen Landwirtschaft inspirieren. Der Boden bleibt das ganze Jahr über mit Mulch bedeckt. Dafür verwenden wir alles, was der Garten selbst hervorbringt – Laub, Grasschnitt und anderes organisches Material. Außerdem kombinieren wir Pflanzen so, dass sie sich auch bei Trockenheit oder Nässe gegenseitig unterstützen, statt miteinander zu konkurrieren.
Jedes Jahr verändert sich der Garten – und wir mit ihm.
Die Sprache der Tomaten
Es gibt kaum einen bulgarischen Garten ohne Tomaten. Eine der größten Veränderungen in unserem Garten verdanken wir Dianas Liebe zu Tomaten. Diana ist zwischen Tomatenpflanzen groß geworden.
„Für mich ist Sommer der Geschmack frisch gepflückter Tomaten. Als Kind habe ich Tomaten gegessen wie andere Kinder Äpfel.“
Jedes Jahr ziehen wir unsere Tomaten aus alten Sorten und eigenem Saatgut. Diana experimentiert mit neuen Sorten und neuen Pflanzgemeinschaften und entdeckt immer wieder Orte im Garten, an denen sich die Tomaten besonders wohlfühlen.
So hat Diana unseren Garten gelehrt, eine neue Sprache zu sprechen – die Sprache der Tomaten.
Die Rote Buche – die Sprache der Vorfahren
Die Rote Buche ist der große Hüter unseres Gartens. Sie steht hier schon seit der Zeit, als Martins Familie das Haus bewohnte.
Von fast überall aus ist sie sichtbar. Sie spendet Schatten und hat uns dazu inspiriert, eine neue Hecke aus Rotbuchen und Holunder anzulegen.
Unter ihrer Krone steht unser Gartenhaus – unser Lieblingsort. Hier sitzen wir gerne in der Stille, beobachten die Natur und kommen miteinander ins Gespräch. An diesem Ort spüren wir die Verbindung zu unseren Vorfahren und zur umgebenden Landschaft besonders intensiv.
Der Übergang zur Wiese – die Sprache der Offenheit
Wenn wir von der intensiven Beziehung unseres Gartens zur umgebenden Landschaft sprechen, beginnt diese Geschichte mit unserer ersten großen Veränderung. Als wir den Garten übernahmen, war er durch einen Zaun und Sichtschutz von seiner Umgebung getrennt. Deshalb entfernten wir als Erstes diese Barrieren und öffneten den Blick in die freie Natur.
Bis heute empfinden wir diese Entscheidung als eines der größten Geschenke, die uns dieser Garten macht. Er geht unmittelbar in eine Wiese mit alten Apfelbäumen über. Dahinter beginnt der Wald, und manchmal können wir sogar die Ahr hören, die hinter den Bäumen vorbeifließt. Von hier aus beobachten wir Rehe, Vollmonde, Glühwürmchen und den stetigen Wandel der Jahreszeiten.
Diese Offenheit prägt bis heute unser Erleben des Gartens. Er endet nicht an seiner Grundstücksgrenze, sondern geht fließend in die Landschaft über. Die Wiese wird zu einem Teil des Gartens, und der Garten zu einem Teil der Landschaft. So schenkt uns der Garten das Gefühl einer offenen Weltbeziehung.
Obstbäume – die Sprache der Freunde
Als wir den Garten übernahmen, wuchsen hier – neben der Roten Buche – zwei Eichen, zwei Eiben sowie mehrere Fichten und Kiefern. Obstbäume gab es keine.
Nach und nach haben wir viele Obstgehölze gepflanzt: zuerst eine Quitte, die in diesem Jahr zum ersten Mal reichlich Früchte trägt. Danach folgten drei Feigenbäume, zwei Mispeln, eine Pflaume, zwei Kornelkirschen, vier Weinreben, drei Felsenbirnen und zuletzt ein Granatapfelbäumchen.
Viele dieser Bäume erzählen auch von den Menschen, die uns begleitet haben. Die erste Kornelkirsche stammt von Ulrike und Bernhard, eine der Feigen von Uwe und Annette, die Weinreben von Toni und Ulrike. Die erste Mistel verdanken wir Gergana.
So sprechen unsere Bäume nicht nur ihre eigene Sprache – sie tragen die Namen und Geschichten unserer Freundinnen und Freunde weiter.
Vielleicht wird unser Garten nie aufhören, neue Sprachen zu lernen. Genau das lieben wir an ihm.