Corona Schnee – Nicht einsteigen

von Ulrike Schlosser

Mich nicht meinen wechselnden Emotionen gnadenlos ausliefern, diesem Grummeln im Bauch, diesen Unsicherheiten, die mich scheinbar aus heiterem Himmel überfallen – dies ist eine tägliche Herausforderung geworden. Ich will nicht Spielball meiner selbst sein, will mich nicht aufregen über Masken und die Einhaltung der geforderten, empfohlenen Distanz.

Am Samstag sah ich einen Menschen vor dem Eingang vom Edeka sitzen, vor sich ein Becher für Geld. Die Person hatte ein Stofftuch über das Gesicht gebunden bis unter die Augen. Ich konnte nicht erkennen, ob ich Mann oder Frau vor mir hatte, dachte mir nur: nun musst DU dein Gesicht nicht zeigen. Das ging mir nach.

Brauchen wir unser Gesicht nicht mehr zu zeigen, spielen wir ab jetzt Verstecken, noch mehr als jemals zuvor? Hat die moderne Psychologie uns nicht ermuntern wollen, unsere Masken mehr und mehr abzulegen, ermuntern uns zu zeigen, so wie wir sind?

Die Stones haben nach 8 Jahren einen neuen Song auf die Welt losgelassen: I’m a ghost living in a ghost town.

Gestern erhielt ich eine E-Mail von Promod in Bonn: sie schließen. Dann heute in unserer Tageszeitung die Nachricht, dass ein recht großes Bekleidungshaus Insolvenz angemeldet hat.

Ghost-town Bonn, ganz nah, nicht irgendwo weit weg von mir.

Corona macht was mit uns. Mir werden Muster klar, die natürlich vorher auch schon da waren.

An meinem PC klebt ein Post-it: Nicht einsteigen

Nicht mehr einsteigen in den Zug,

dessen Abteile ich schon kenne,

nicht in diesen Zug, 

in dem ich jahrzehntelang 

schon mitgefahren bin.

Ich kenne die Strecke,

in-  und auswendig.

Dieser Zug fährt 

keine neuen Gleise.

Ich sitze schlafend in diesem Zug,

jedenfalls die meiste Zeit.

Manchmal wache ich auf

und springe ab.

April, 2020

divanova