Die verstörende Realität

veröffentlicht in der Zeitschrift Gerbergasse 18, Heft85, 2017

Bulgarische Geheimdienstfilme von gestern und ihre Rolle in der Gesellschaft heute

Sofia, Dreharbeiten, der Film „LISTEN“, 2013

Im Jahr 2012 stieß ich – eine bulgarische Journalistin, Filmregisseurin und politi- sche Aktivistin – zusammen mit meinem Team während unserer Archivrecherchen zur Bulgarischen Staatssicherheit DS (Darzhavna Sigurnost) erstmals auf Filmbestände dieses Geheimdienstes. Mehr als 4000 Filme, die vom bulgarischen Innenministerium für eigene Zwecke produziert wurden, warten seitdem auf ihre Erforschung und Aufarbeitung: Spielilme, Dokumentationen, Beobachtungen, Verhöre.

Bislang (vor allem in den Jahren 2013 und 2014) wurden viele dieser Filme zusammen mit der Kuratorin Vessela Nozharova in Workshops und auf Veranstaltungen in Bulgarien gezeigt. Dadurch wurde ein starkes öffentliches Echo ausgelöst, das spürbar ein Nachdenken über die eigene Vergangenheit in Bewe-gung setzte.

Im April 2016 kuratierten der Berliner Filmwissenschaftler Claus Löser und ich die Retrospektive „Filme für die Sicherheit” im Rahmen des Dresdener Film-Festivals. Dort wurden Filmbeispiele aus dem DS-Archiv zum ersten Mal einem internationalen Publikum vorgestellt. Auch hier gab es ein star- kes Medien- und Zuschauerinteresse. Im März 2017 wurden einige der bulgarischen Geheimdienst-Filme auf einer Veranstaltung des Stasi-Unterlagen-Archivs (BStU) in der früheren MfS-Zentrale in Berlin gezeigt.

Im Rahmen der weiteren Erforschung des Bestandes war ich Stipendiatin der

Die Filmbestände der Bulgarischen Staatssicherheit DS sind ein äußerst spannendes, aber auch widersprüchliches und bisher noch weitgehend unerforschtes Gebiet. Das liegt vor allem an der besonderen Situation der Geheimdienstakten in Bulgarien nach 1989. Ein Blick zurück in das Jahr 1990 verdeutlicht die Ausgangslage: Die Öffnung der DS-Akten wird als eine zentrale Bedingung für die Demokratisierung Bulgariens am „Runden Tisch“ genannt. Aber noch im gleichen Jahr werden schätzungsweise 40 Prozent der Staatssi- cherheitsakten zerstört. Zum ersten Mal werden die erhaltenen Aktenbestände durch ein Gesetz im Jahr 1997 geöffnet, allerdings werden 2002 die Möglichkeiten zur Akten-Einsicht schon wieder beendet. Erst mit einem neuerlichen Gesetz im Jahr 2006 – kurz vor dem Beitritt Bulgariens zur Europäischen Union am 1. Januar 2007 – beginnt eine kontinu- ierliche Aufarbeitung der DS-Vergangenheit.

Eine vom bulgarischen Parlament 2006 gewählte DS-Akten-Kommission ist die erste Initiative, die beginnt, ein eigenes Archiv außerhalb des Innenministeriums zu errichten. Das Paradoxe daran: Das Gesetz wurde mit einer Mehrheit der sozialistischen Partei BSP, den ehemaligen Kommunisten, ermöglicht, obwohl diese sich in der Vergangenheit immer gegen ein solches Akten-Gesetz gewehrt hatten. Zum Vorsitzenden der Kommission wird ein ehemaliger Mitarbeiter des Innenministeriums gewählt. Seit 2010 beginnt die Kommission damit, nicht nur schriftliche Dokumente, sondern auch elektronische und filmische Materialien aus allen ehemaligen regionalen Geheimdienst-Abteilungen des Innenministeriums zu sammeln. Die Katalogisierung, Digitalisierung und Bereitstellung eines öffentlichen Zuganges zu den Archivbeständen sind bis heute nicht abgeschlossen. So existieren beispielsweise keine vollständigen Informationen über den genauen Zustand des Filmguts, keine exakten Zahlen zum Umfang des Filmbestandes oder zu den konkreten Filminhalten.

Obwohl die Filme – wie beschrieben – noch nicht umfassend erforscht sind, lässt sich schon Einiges über das Archivgut in seiner Gesamtheit aussagen. Der grobe Umfang der überlieferten DS-Filme entspricht mehr als 4000 Einheiten (im Jahr 2012 war noch die Rede von „mehr als 1000” Filmen), davon mehr als 400 Videos und über 800 35mm-Filme. Die letztgenannte Filmgattung stammt aus verschiedenen Jahrzehnten – von Anfang der 1960er bis Ende der 1980er Jahre – und diente vorrangig der Propaganda nach innen. Gezeigt werden darin Verhöre, die in einigen Fällen mit versteckter Kamera gedreht wurden, aber oft auch mit Wissen der Beteiligten entstanden. Es handelt sich um ilmische Selbstdarstellungen, Dokumentationen über die Arbeit in regionalen Abteilun- gen, Beiträge über Naturkatastrophen und besondere Ereignissen, Aufnahmen von Gerichtsprozessen, Kopien von so- wjetischen Lehrilmen, Fernsehproduk- tionen im Westen oder Spielilme aus eigener Produktion.

Was aber nahmen der Geheimdienstmitarbeiter filmisch überhaupt ins Vi- sier? Welche konkrete Bedeutung hatten die Aufnahmen für die Arbeit des bulgarischen Geheimdienstes? Welchen Stellenwert hat das ilmische Archivgut für die Aufarbeitung heute? Ich werde versuchen, diese Fragen – zumindest in Grundzügen – zu beantworten, einige Beispiele aus den aufgefundenen Filmen darzustellen, eigene Reflexionen zu den öffentlichen Veranstaltungen anzustellen und meine Begegnungen mit dem bulgarischen Publikum mitzuteilen.

Filmstudio Dimitroff

Alle DS-Filme wurden vom darauf spezialisierten „Filmstudio Georgi Dimitroff” der Hochschule des Innenministeriums produziert. Diese Einrichtung war eine Art „Agenten-Akademie” in Bulgarien, auch “Simeonovo-Schule” genannt (wie die Nachbarschaft von Sofia bezeichnet wird, in der das Gebäude lag). Die Schule trug, wie viele andere Instituti- onen während der sozialistischen Ära, den Namen des bulgarischen Politi- kers und Funktionärs Georgi Dimitroff (1882–1949). Dieser war von 1935 bis 1943 Generalsekretär der Kommunisti- schen Internationale (Komintern) und ab 1946 bulgarischer Ministerpräsident, eine Kultigur in Bulgarien nach seinem Tod 1949. Sein Leichnam wurde einbal- samiert und in einem ihm zu Ehren er- richteten Mausoleum im Zentrum Soias beigesetzt. 1990 wurde sein Leichnam auf den zentralen Friedhof der Haupt- stadt umgebettet. Das Mausoleum wur- de am 21. August 1999 gesprengt.

Alle Selbstdarstellungsilme des „Dimitroff-Instituts“ sind als „normale Filme“ gekennzeichnet, das heißt mit Titeln, Autorennamen und anderen typischen Filmangaben versehen. Unter den Autoren kann man sogar einige be- kannte Namen der bulgarischen Filmin- dustrie entdecken. In Soia galt das Film- studio unter Fachleuten als eine sichere Geldquelle, um sich etwas Nebenher zu verdienen. Bei solchen Produktionen mitzuarbeiten war für Filmschaffende beinahe etwas Selbstverständliches und wurde nicht als Besonderheit oder Ge- heimnis betrachtet. Viele dieser Filme unterscheiden sich kaum von den ofiziellen Fernsehproduktionen der Zeit: Feierlichkeiten und Jubiläen wurden für die Nachwelt aufgezeichnet, Erfolgser- lebnisse festgehalten, volkskünstlerische Betätigungen dokumentiert. Fazit: Lang- weilig, langatmig, belehrend, redun-dant, mit großem Pathos.

Verhöre
Die Verhör-Filme sind wohl der interessanteste Teilbestand des DS-Filmarchivs. Im Unterschied zu den Selbstdarstellungsilmen, bei denen uns die Autoren bekannt sind, wissen wir nicht, wer die Verhöre gedreht und hergestellt hat (bzw. den Ton, die Kamera, den Schnitt ausführte) oder mit welchen Zielen diese Filme seinerzeit entstanden. Eine mögliche Erklärung ist, dass das Material bei Ermittlungen oder für geplante Gerichtsprozesse gegen die Protagonisten, also die Verhörten, benutzt werden sollte. Die noch erhaltenen Verhöre zeigen Dissidenten, ehemalige DS-Mitarbeiter oder auch Mitglieder der kommunistischen Partei Bulgarien (BKP), die wegen unterschiedlichster „Verfehlungen“ verurteilt und bestraft wurden.

Wir wissen bisher ebenfalls nicht, warum manche Verhör-Filme erhalten blieben und andere nicht. Das Anschauen dieser speziellen Filme ist für uns als Zuschauer mehrdeutig. Es fordert uns eine innere Auseinandersetzung ab, um mit dieser Ungewissheit umzugehen. Bedeutsam ist, dass genau diese Verhöre bei der Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit Bulgariens helfen können, da sie eine klare Verbindung zwischen den gesellschaftlichen Verhältnissen damals und heute offenlegen.

Beispielsweise kann man Muster einer Propaganda-Sprache hören, die oft kaum von der Gegenwart in Bulgarien unterscheidbar ist. Auch sind Gesichter und Namen von Personen zu erkennen, die aktiv beim DS gearbeitet haben, bis heute hohe politische Ämter einnehmen oder eine wichtige Rolle in der bulgarischen Gesellschaft spielen. Bevor konkrete Beispiele aus dem DS-Archiv folgen, müssen noch einige Details im Verlauf der schleppenden Aufarbeitung in Bulgarien erwähnt werden. Wegen mangelnder Kontinuität in der Öffnung der DS-Akten, wird das Thema seit vielen Jahren für politische Interessen missbraucht.

In allen bulgarischen Regierungen nach 1989 (auch geduldet durch die jeweilige Opposition) gab es ehemalige Mitarbeiter oder Agenten der DS. Intransparenz und Widersprüchlichkeit in Bezug auf die DS-Vergangenheit haben dazu geführt, dass es heute keinerlei Scheu oder Reue derjenigen gibt, die als ehemalige DS-Mitarbeiter enttarnt wurden/werden.
Der von 2002 bis 2012 amtierende bulgarische Präsident Georgi Parvanov (BSP) ist 2007 im Amt geblieben und hat sich nie dafür entschuldigt, dass er als Geheimagent „Goze“ tätig war, was zweifelsfrei aus Angaben der DS-Kommission hervorgeht.

Wo also sind die vielen früheren DS-Ofiziere und Agenten abgeblieben?
In den 1990er Jahren war Sofia fast wöchentlich Schauplatz blutiger Schießereien eines landesweiten Netzes von Mafia-Klans, denen häuig ehemalige Geheimdienstler als Mitglieder oder Berater zur Seite standen. Viele Ex-DS-Mitglieder hatten sich noch vor dem Untergang des Kommunismus materiell vorgesorgt. Gemeinsam mit den Bossen der Unterwelt wurden neue Wirtschaftsimperien gegründet, Fußballclubs aufgekauft oder Zentren für Geldwäsche organisiert. Die sogenannte „Ringer-Mafia“ bildete einen Grundsteine der post-kommunistischen Entwicklung, und zwar mit jenen einst weltweit gefragten bulgarischen Sportlern, von denen der DS viele zu Topagenten ausbilden ließ.

In den Jahren 2013 und 2014 gab es die größten und intensivsten Pro- teste seit 1990 in Bulgarien (insgesamt 405 Tage lang), die schließlich durch die Regierung Oresharski beendet wurden. Ausgelöst wurden die Protestdemonstrationen durch die Wahl des Medienmoguls Deljan Peewski zum Chef der Staatlichen Agentur für Nationale Sicherheit (DANS), quasi der post-kommunistischen Nachfolgeinstitution des DS. Zum Zeitpunkt seiner Ernennung wurden dem damals 33-jährigen Peewski enge Beziehungen zur organisierten Krimina- lität nachgesagt. Der Hashtag ДAHCwithme (ein Wortspiel: Tanz mit mir) ist zu einem Symbol der Proteste geworden.

Besonders zwei Verhör-Filme aus dem DS-Bestand zeigen die enge Verknüp- fung zwischen den alten Strukturen mit der politischen Gegenwart. Sie stehen beispielhaft für die Dimensionen der

Familie Popov

Ein anderes verstörendes Verhör, es ist bislang das einzige im Archiv, das mit einer versteckten Kamera gedreht wurde, hat weitere ethische und gesellschaftli- che Fragen aufgeworfen.

Im Jahr 1983 wird der Familie Popov (Vater, Mutter und Sohn) erlaubt, in die Bundesrepublik auszureisen. Zwei Ge- heimdienstofiziere sprechen mit der Familie, wie sie sich im Westen „benehmen“ soll. Wir sehen die Vernehmer nicht, wir können sie nur hören. Während des gesamten Verhörs zeigt die Kamera nur die drei Familienmitglieder: die Mutter, den 15-jährigen Sohn, in der Mitte sitzend, und den Vater. Hinter dem „Fall Popov” steckt die Geschichte eines Arztes und Menschenrechtlers, die bis heute in Bulgarien unbekannt ist. Über den Vorgang wurde in den ofiziel- len Medien des Landes nie berichtet und er blieb somit außerhalb der kollektiven Erinnerung. Das individuelle Leiden eines Oppositionellen und seiner Familie (die große Unterstützung und Aufmerksamkeit im Ausland bekam) war bisher aus der bulgarischen Geschichte entfernt. Dank des erhaltenen Verhörs kann es wieder einen Platz im politischen Gedächtnis Bulgariens finden, einen Ort der Erinnerung.

Wenn man das Video der Familie Popov sieht, bei dem die Protagonisten nicht wussten, dass sie gefilmt werden und in dem ein Minderjähriger anwesend ist, stellt sich die ethische Frage: Wie gehen wir damit um? Werden die Opfer des DS durch jedes erneute Abspielen des Videos nicht immer wieder zu Opfern? Etwa durch das öffentliche Teilen des Leidens und die Möglichkeit, dass dieses Video in die Hände von For- schern oder im Internet an die allgemeine Öffentlichkeit gelangt? Bei unseren Veranstaltungen und Workshops haben wir uns diese problematischen Fragen immer wieder neu gestellt. Die Mitglieder der Familie Popov in München sind inzwischen verstorben und nie nach Bulgarien zurückgekehrt. Unbekannt ist jedoch das Schicksal des damals 15-jäh- rigen Sohnes.

Wir können uns von direkten Fragen an uns selbst nicht befreien. Das Unbehagen zu verstehen und nicht zu ignorieren, bleibt eine wichtige Aufgabe der zukünftigen Archivarbeit und eines verantwortungsvollen Umgangs damit.

Der Lyriker Petar Manolov

Im Januar 1989 wird der Lyriker Petar Manolov im Gebäude der bulgarischen Staatssicherheit von einem sich namentlich vorstellenden Ofizier nach den Intentionen seiner Dichtung befragt. Der 1939 geborene Manolov, Sekretär des 1988 gegründeten unabhängigen Vereins für Verteidigung der Menschenrechte, beindet sich schon seit 30 Tage im Hun- gerstreik, weil der DS seine literarischen Werke sowie Dokumente des Vereins beschlagnahmte. Der Autor protestierte auch gegen den zwangsweisen Identitätswechsel der türkischstämmigen Minderheit in Bulgarien. Der Staatssicherheitsofizier verhört ihn hinsichtlich seiner Ideen und Literatur. Der Mitschnitt der Verhörs ist ein einmaliges Dokument des bulgarischen Widerstands am Ende der 1980er Jahre.

Das Besondere an diesem Archivfund ist nicht nur der bizarre Dialog zwischen den beiden Kontrahenten, sondern die verstörende Realität, die dieses Duell für uns noch heute ausstrahlt.

Manolov, der Dissident, ist für heutige Zuschauer (gerade für Jüngere) zumeist unbekannt. Nicht unbekannt ist der Vernehmende, der Ofizier Angel Vassilev Alexandrov, der nach 1989 eine öffentliche Karriere machte und bis vor kurzem (2015) eine hohe Stelle als Direktor des nationalen Ermittlungsdienstes innehatte. Somit bestanden auch Verbindungen zur Karriere zum Unternehmer Peewski, der – wie zuvor beschrieben – die politischen Pro- teste des Jahres 2013 auslöste.

Die Entdeckung des gefilmten Manolov-Verhörs sorgte für große Aufmerk- samkeit in Bulgarien. Plötzlich war ein öffentliches Interesse an diesem Filmarchiv geweckt, das bis dahin nahezu unbekannt war. Verhöre aus dem DS-Archivbestand wurden in mehreren Dokumentarilmen als Quelle und Zeugnis für die Verbindungen zwischen alten und neuen Machtstrukturen verwendet.

Auseinandersetzung und Aufarbeitung

Es ist erstaunlich zu beobachten, welche Emotionen die Ausschnitte aus Verhören des DS-Archivs bis heute auslösen. Durch ihre visuelle Sprache ermöglichen die Filme einen neuartigen Zugang zu einem Teil der bulgarischen Geschichte, der sich bislang – gerade bei jungen Menschen – sehr selten erschließt. Die DS-Filme wecken bei Zuschauern in Bulgarien, aber auch beim internationalen Publikum in Westeuropa, gewisse Ängste und evozieren Erinnerungen, die mit der Gegenwart in direkter Beziehung stehen: Grenzkontrollen, Polizeigewalt, plötzliches Ausgeliefertsein gegenüber Behörden, Repressionen, Überwachung.
Diese Wahrnehmungen schließen auch die Frage mit ein, wie schnell wir selbst die Rolle des Vernehmers übernehmen würden? Es entsteht ein diffuses Unbehagen, mit dem sich jede/r anders auseinandersetzt und umgeht.

Obwohl die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur und insbesondere die Rolle der Geheimpolizei in Bulgarien auf unterschiedliche Weise blockiert und behindert wird bzw. wurde, zeigt das neu entdeckte Filmgut, dass es keine unnötigen oder überlüssigen Archive gibt. Auch mit Resten und Fragmenten kann man arbeiten, weil darin Spuren und Kontexte enthalten sind, die durch uns neu gesehen und gelesen werden können.

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