Der bulgarische Dämon

Der Text hat einen der fünf Hostwriter Collaboration Prize 2014 gewonnen und wurde in n-ost veröffentlich. Das ist eine gemeinsame Reportage mit Dagmar Gester.

Der junge DDR-Bürger Christian Staudinger versuchte 1971, über Bulgarien in den Westen zu flüchten. Er wurde gefasst, gefoltert und zurück in die DDR gebracht. Wie ihm erging es vielen, die diesen Fluchtweg wählten. In Bulgarien aber gibt es auch 25 Jahre nach der Wende keine öffentliche Auseinandersetzung über die Verbrechen an der Grenze.

 (n-ost) – „Da kommt ein Dämon, ohne Farbe, in Uniform, er ist lang, unendlich lang und will mich umbringen, mit so einem lachenden Zynismus und verachtendem Hass“, erzählt Christian Staudinger einen seiner Träume. Der Dämon der Erinnerung an seine gescheiterte Flucht lässt ihn auch nach 43 Jahren nicht los.

1971 versuchte der damalige DDR-Bürger, über Bulgarien in den Westen zu fliehen. Als Kind war Staudinger mehrmals mit seinen Eltern an der bulgarischen Schwarzmeerküste im Urlaub gewesen. Weil er wie viele seiner Mitbürger dachte, dass die bulgarische Grenze nicht so streng überwacht werde, jedenfalls nicht so streng wie die innerdeutsche Grenze, kam er zu der Entscheidung, über Bulgarien und die Türkei in den Westen zu fliehen.

In der Nähe von Achtopol, wo der kleine Fluss Weleka ins Schwarze Meer mündet, scheiterte jedoch seine Flucht. Am 24. September 1971 wurde der damals 19-Jährige gefasst. Er erlebte eine Scheinhinrichtung, litt Hunger und wurde von den deutschen Verbindungsoffizieren der Stasi beschimpft und gedemütigt.

Zurück in der DDR wurde Staudinger wegen „versuchter Republikflucht“ und „staatsfeindlicher Hetze“ zu einem Jahr und sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Am 13. November 1972 wurde er direkt aus dem Gefängnis in die Bundesrepublik Deutschland entlassen und aus der DDR ausgebürgert.

Die traumatischen Erlebnisse von Haft und Folter haben Staudingers Leben geprägt. „Ich dachte, ich überlebe das nicht“, erinnert sich der 62-Jährige, der heute als Künstler arbeitet und in Berlin lebt. „Physisch hatte ich nie mehr so ein Erlebnis.“ In der Haft in der DDR, die er in der Untersuchungshaftanstalt der Stasi in Erfurt verbüßte, „war es psychisch schwierig, so eine Stille, nichts, kein Geräusch, aber in Bulgarien war das körperlich schlimm“.

Von seiner 4-wöchigen Haft in 1971 in Bulgarien erzählt Staudinger so detailliert, dass der Schmerz förmlich zu spüren ist: „Ohne Fenster, ohne Licht, eine Stahltür. Es gab kein Klo, deshalb hat es fürchterlich gestunken. Lehmfußboden mit Stroh, mehr war da nicht drin.“ Er habe geweint und geschrien, nach jemandem von der DDR-Botschaft gerufen. „Einmal am Tag kam einer, wenn ich so schrie, und hat mir ins Geschlecht getreten.“ Essen habe es nicht gegeben, nur einmal am Tag etwas Wasser mit Tomatenschalen. „Ich hatte Schmerzen vor Hunger. Wenn der Schmerz nachließ, kamen sie und haben mir ein kleines Stück Halva gegeben, habe ich gierig gefressen. Aber dann war er wieder da, der Hungerschmerz.“

Staudinger versuchte vieles, um zu vergessen und sich vom Hass zu befreien: Fallschirmspringen, Sozialarbeit im Frauenknast, Psychoanalyse, Yoga. Doch erst die Kunst hat ihm geholfen. 2004 unternahm er eine Erinnerungsreise mit seiner Frau nach Bulgarien und entwickelte ein künstlerisches Konzept für ein Mahnmal für die deutschen Opfer in Bulgarien. Das Mahmal sollte vor dem Gefängnis in Burgas stehen. Zwei Stahlkasten aufeinander. Der eine hat die Grösse der Zelle, wo er 3 Wochen verbrach – 100x200x160. Im zweiten sind Rosen gepflanzt. Das Konzept wurde zum Kulturministerium geschickt, es gab keine weitere Entwicklung. In Gesprächen, so erzählt er, sei ihm allerdings immer wieder gesagt worden, Bulgarien sei noch nicht so weit in seiner Verarbeitung der eigenen Geschichte, das Thema werde auf kein öffentliches Interesse stoßen.

Das „Thema“, die Verbrechen an der bulgarischen Grenze, ist bis heute in der Aufmerksamkeit des Landes marginalisiert. Einzig ein Spielfilm, ­„Graniza“ (Grenze) Ilian Simeonow aus dem Jahr 1994, bricht dieses Tabu. Der Film zeigt, wie junge Soldaten gezwungen werden, im Grenzgebiet „Verbrecher“ zu schießen und zu erschiessen, um ein paar Tage Ferien zu bekommen und den enormen psychischen Druck zumindest für kurze Zeit zu entfliehen.

Die bulgarische Regierung widmete sich genau einmal dem Thema: Im Februar 1992 berichtete der damalige Verteidigungsminister Dimitar Ludschew, dass mindestens 339 bulgarische Staatsbürger und 36 Ausländer – vor allem Urlauber aus der DDR – von Angehörigen der Grenztruppen getötet worden seien.

Der Berliner Politikwissenschaftler Stefan Appelius ist der erste, der die Schicksale deutscher Flüchtlingen in Bulgarien erforscht hat. Er schätzt, dass es über Bulgarien zwischen August 1961 und November 1989 mindestens 3.000 bis 4.000 Fluchtversuche von DDR-Bürgern gab. Mehr als drei Drittel waren junge Männer, Anfang 20, so wie Christian Staudinger damals.  Zwischen der bulgarischen und der deutschen Staatsicherheit bestand Appelius zufolge eine enge Zusammenarbeit, die insbesondere aufgrund der schnellen Entwicklung des Massentourismus am Schwarzen Meer in den 1960er Jahren ausgebaut wurde.

Die Grenzen zu den Nachbarstaaten Türkei, Griechenland und Jugoslawien machte Bulgarien von 1944 bis 1989 dicht. Was an dieser „bulgarischen Mauer“geschah, dazu forscht auch der bulgarische Historiker Momtschil Metodiew, seit 2006 das bulgarische Stasi-Archiv geöffnet wurde. Die Akten beinhalten keine genauen Opferzahlen, doch dokumentieren sie, wie das System funktionierte. In der Grenzzone, die jeweils 15 Kilometer weit ins Land hinein ragte, durften zwar Menschen wohnen, doch durfte niemand unangemeldet hinein.

„In allen Grenzgebieten gab es sogenannte vertraute Personen, die keine offiziellen Spione waren, aber stets bereit waren, zu melden, wenn ein Unbekannter in der Umgebung erschien“, schildert Metodiew. Es sei einfach gewesen, über Propaganda die Menschen gegen den „Feind“ zu mobilisieren, zumal angesichts der patriarchalen familiären Strukturen besonders in den Grenzdörfnern. In der bulgarischen Mangelwirtschaft habe das System Zuträger kleinen Geschenken wie Anzugstoff oder Armbanduhren oder mit Jobversprechen überzeugen können. „So waren fast alle daran beteiligt, ‚Feinde‘ oder unbekannte Leute sofort zu melden.“

Vielleicht erklärt auch das, weshalb in Bulgarien bis heute schwer fällt, die Verbrechen an der Grenze vor 1989 als Verbrechen zu bezeichnen. Lubomir Wasilew aus Sinemorets südlich von Achtopol war in jener Zeit Leiter der Grenzabteilung am Schwarzen Meer war, als Christian Staudinger seinen Fluchtversuch unternahm. Er ist bis heute überzeugt, alles richtig gemacht zu haben: „Unsere Grenze war vorbildlich, perfekt.“ Seine Soldaten hätten nicht geschossen, behauptet er. „Aber wir haben unsere Grenze verteidigt und das gemacht, was nötig war.“

Wasilew erinnert sich nicht an Staudinger, aber an andere Deutsche, alle sehr jung, die danach zurück in die DDR gebracht wurden. Die Vorstellung von einem Denkmal für die Opfer erscheint ihm abwegig, denn, so sagt er, die meisten Leute, die über die Grenze fliehen wollten, seien Kriminelle gewesen. Und, so fügt mit einem Achselzucken hinzu, „so waren die Zeiten damals“.

Anders als in Deutschland wurde in Bulgarien kein für die Todesschüsse verantwortliches Regierungsmitglied vor Gericht gestellt. Auch gibt es kein Museum, das diesen Teil der bulgarischen Geschichte erzählt, obgleich viele Menschen solche Geschichten aus ihrer Familie kennen. Auch ein Mahnmal gibt es bis heute nicht.

Doch Staudinger hofft, dass es dazu doch kommt. Bei  seiner letzten Reise konnte er  mit einigen Bulgarinnen sehr fief darüber sprechen. Und wenn Leute sprechen, bedeutet das kein Vergessen.

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