Frau Bulgarin

2005

Der Text ist Teil der Reihe, die den europäischen Journalistenpreis der APA in 2005 in Wien gewonnen hat.

Der Text wurde in der KAPITAL Wochenzeitung in 2005 und im Buch “Which road to Europe” (Wien, 2008) veröffentlicht. Die Texte wurden im Jahr 2005 während des Milena Jesenska Stipendiums im Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM, Wien) recherchiert und vorbereitet.

„Text voller Emotionen“ – APA-Nachrichten
Ehrengast Milan Kucan, ehemaliger slowenischer Staatspräsident, lobte den bei der
Preisverleihung Mittwoch Abend in Wien vorgetragenen Beitrag („Frau Bulgarin“) der Journalistin als „Text voller Emotionen“.

Ivanova habe durch sehr persönliche Erzählungen die Stimmung nach der Wende in Europa eingefangen. Ihre Zeilen würden an niemandem, der zur Zeit der Wende in Osteuropa gelebt hat, emotionslos vorüber gehen, so Kucan. Ivanova habe auch spürbar gemacht, „dass heute noch
immer Reste der Berliner Mauer übrig geblieben sind.“

Die Siegerin überzeugte die siebenköpfige internationale Jury mit einem Zyklus unter dem Titel „Guten Tag Melancholie“. Der im Rahmen der Preisverleihung vom Schauspieler Fritz Friedl vorgetragene Text „Frau Bulgarin“ erzählt von einer in Wien lebenden namenlosen Frau
aus Bulgarien, die symbolisch für die Melancholie des Fremden aus dem Osten steht
.

 Frau Bulgarin , Ivan Milev und Gustav Klimt

„Die Vergangenheit war noch nie so schön wie heute“

 Von einem Plakat in dem Wiener Cafe „Das Möbel“

Die erste Geschichte, die mir in Wien erzählt wird, ist über eine Frau ohne Namen – sie war einfach Frau Bulgarin. Suzanne erzählt mir die Geschichte, während wir zum Mittag im Institut für die Wissenschaften vom Menschen zusammen essen. Ihre Stimme ist voller liebevoller Nostalgie :

„Vor vielen Jahren gab es ein bulgarisches Restaurant am Gürtel Kreisverkehr in der Nähe der Metrostation Gumpendorfstrasse im 15. Bezirk, es hieß Rila. Diese Frau [ Frau Bulgarin ] war der gute Geist des Restaurants. Ich wusste nie ihren Namen. Sie war immer in Eile, nie ganz zufrieden mit den Bestellungen der Kunden und sie stellte die Teller auf die  Tische wie  mit einem Paukenschlag … Sie trug immer eine Schürze, um sich ihre Hände daran  abzuwischen. Der Ort war grimmig und altmodisch, aber wir gingen alle dahin wegen dieser mürrischen Frau – sie servierte das beste Essen auf der Welt zu den niedrigsten Preisen… Aber die Kneipe ist nicht mehr  da…”

Der Westen – Wir und sie Wenn ich auf Reisen in den  westeuropäischen Länder bin, sehe ich immer, dass die Teilung zwischen uns und „denen“ wirklich existiert. Ich weiß immer, wenn ich in Westeuropa bin – das Gefühl von Nostalgie ist dort nicht verboten. Ich habe meine eigene Theorie,  was einen bulgarischen Emigranten erfolgreich macht -das hängt davon ab, wie gut man die Nostalgie für die eigene verbotene Vergangenheit  den Menschen im Westen übersetzen kann. Man ist erfolgreich, wenn man diese verbotenen Gefühle zum eigenem Vorteil nutzt. Man ist  es nicht, wenn man sie nicht wahrnimmt und deren Opfer wird.

Vor einem Jahr, bei einem Seminar in Österreich, traf ich Kinga, eine Ungarin aus Budapest. Sie sagte mir : „Es ist einfach toll, dass ich Dir nicht alles zu erklären brauche – Kommunismus, Demokratie – es gibt kein Ende, ich verschwende so viel Energie in Erklärungen… Du und ich können einfach reden, ohne diesen Erklärungen, und Du weisst ganz genau, was ich meine … „

 Ich bin nicht mehr überrascht, wenn ich Westeuropäer  treffe, die nichts über Bulgarien wissen. Es ist mir schon so oft passiert, dass es kein Problem mehr ist. Ich habe auch nicht mehr den Wunsch etwas erklären zu müssen. Ich akzeptiere einfach die Realität, so wie Kinga. Aber was mich in Wien überrascht, ist, dass es viele Menschen gibt, die nichts über die Slowakei  wissen und noch nicht einmal in der Hauptstadt Bratislava, 40 Minuten mit der Bahn entfernt, waren. Elizabeth ist in ihren späten Zwanzigern, Web-Designerin in einem Software-Unternehmen in der Mariahilferstraße. Wolfgang ist 37, Architekt, in Bodensee, Deutschland, geboren. Er lebt  in Wien seit 12 Jahren. Keiner von beiden war je in Bratislava. Am Institut für die Wissenschaften vom Menschen treffe ich andere Menschen, die in der Slowakei nur einmal in den letzten 15 Jahren gewesen sind. Österreich und die Slowakei sind durch die Donau getrennt, aber sie haben jetzt eine gemeinsame Zukunft – beide sind Mitglieder der Europäischen Union. Was viele Menschen in beiden Ländern noch zu entdecken haben, ist, dass es nicht nur der Fluss ist, der sie trennt – es sind ihre Erinnerungen, ihre unterschiedlichen Vergangenheiten. Könnte es sein, dass diese Erinnerungen auch Punkte der Einigung sein könnten? Diese Frage stellt sich mir, nachdem ich mit zwei weiteren Menschen, die selten oder nie in  Osteuropa waren, spreche.

 Michail Staudigal und Astrid Svenson wissen wenig über Bulgarien. Anstatt zu versuchen, ihre Wissenslücken  zu füllen, gebe ich ihnen die Adresse einer Website, die ich vor kurzem zusammen mit einer Gruppe von Kollegen in Bulgarien ins Net setzte. Die Website, www.spomeniteni.org, ist eine stest wachsende Sammlung von persönlichen Geschichten über Bulgariens kommunistische Zeit, von Menschen mit unterschiedlichem Alter und Hintergrund geschrieben . Michail ist Dozent für Philosophie an der Universität Wien und Post- Doktorand an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Die Wirkung von unserer Website auf ihn übertrifft meine Erwartungen. Nachdem er einige der Geschichten liest, sagt Michail mir, dass  er zum ersten Mal das Gefühl hat, etwas über seine Nachbarn, die Slowaken zu verstehen. „Unser Wissen [ca. Slowakei] war sehr allgemein. Wir wissen, dass es [ während der kommunistischen Zeit ] die Intelligenz und das gemeine Volk gab. Früher konnten wir entlang der Donau gehen und was wir in der Slowakei sahen, war ein schlechtes Ödland. Es waren keine normalen Menschen in Sicht, nur Soldaten. Und Fabriken. Dies war unser Bild des Landes. Wir kannten keine Details. Aber es  sind immer die Details, die den Unterschied machen. Es war ein Gefühl der Angst, weil diese Soldaten nur 50 Meter über den Fluss von uns entfernt waren.“

Astrid Svenson ist Deutsche, eine Doktorantin der Geschichte an der Universität Cambridge. Die bulgarischen Geschichten auf der Website wecken Erinnerungen aus ihrer Kindheit. Sie wurde 1977 in Köln geboren. Ihre Familie lebte danach in den Niederlanden, Frankreich und Belgien. Osteuropa war für sie „so weit weg wie Asien“.  Sie war 12, als die Berliner Mauer fiel ( “ Ich erinnere mich an einen langen Sommerabend in Frankreich. Meine Eltern sprachen mit Freunden beim Abendessen  über Gorbatschow, die Perestroika, Glasnost, während ich eine Schüssel mit Schokoladen-Teddybären zerstörte. Mein Vater erklärte mir, dass  man sowas nicht vor den Gästen tun sollte.“). In der Schule, erinnert sie sich, existiere der Kommunismus einfach nicht in den Lehrbüchern. Mit Ausnahme des kommunistischen Manifests der Bewegung aus den 30-er Jahren und der Weimarer Republik, eigentlich  alles nur heroische Bilder. „Erst später erkannte ich, dass ich durch die Lehrbücher  in der Schule und die Diskussionen zu Hause einen großen Widerspruch verinnerlicht hatte: Kommunismus in den 30er Jahren war eine gute Sache, aber der Kommunismus nach 1945 war eine schlechte Sache.“ Es gab auch sehr wenig über die Geschichte Deutschlands in der Nachkriegszeit in Astrids Büchern. „Ich hatte eine tolle Geschichtslehrerin, aber auch sie hatte eine seltsame Erklärung dazu: Die beiden Teile von Deutschland sind nun wieder vereint, so ist es nicht mehr notwendig, ihre Geschichte zu diskutieren.“ Zu der Zeit akzeptierte Astrid diese Aussage, aber als sie zur Universität ging und sich mit Studenten aus Osteuropa traf, merkte sie, wie sehr ihr eigenes Denken von der Rhetorik des Kalten Krieges beeinflusst war. Sie begann,  sich mehr und mehr für die jüngere europäische Geschichte zu interessieren und auch für den Platz ihrer eigenen Erinnerungen in dieser Geschichte. Astrid sah sich selbst in einer der bulgarischen Geschichten auf spomeniteni.org – die Geschichte eines bulgarischen Jungen, der nach Westeuropa reiste und entdeckte, wie provinziell und isoliert sein Land war. „Das ist, was ich fühle, wenn ich wieder nach Hause in Köln komme“, Astrid geht weiter. „Ich hatte das Privileg, seit ich Kind war, sehr viel zu reisen. Und ich fühle mich immer genau so, wenn ich wieder nach Hause zu meinen Eltern in einen Mittelklasse – Vorort von Köln zurückkehre. Es gibt keine Aufregung, das Leben ist irgendwie ohne Puls dort. Ich hatte das selbe Gefühl, als ich wieder in meine Universität in Mainz nach zwei Jahren in Frankreich zurückkehrte. Berlin ist der einzige Ort in Deutschland, der anders ist .“ Als wir uns trennen, ist mir Astrid dankbar für die Geschichten „die Du mir gegeben hast„. Sie haben längst vergessene Wörter, Bilder und Gerüche bei ihr ins Leben gerufen. Und sie hat mir ihre Gefühle gezeigt. Ich bin ihr auch dankbar dafür.

Die Alchemie der Nostalgie Es scheint mir, dass Westeuropa eine Falle für Osteuropäer hat. Wenn sie in Osteuropa bleiben, fühlen sie sich wehmütig an ihre kommunistische Vergangenheit erinnert. Wenn sie nach Westeuropa ausreisen, versuchen sie diese Vergangenheit und die eigenen Erinnerungen auszublenden,  und das öffnet die Tür zur Melancholie. Es ist schmerzhaft, und es gibt keinen einfachen Weg um ihn herum – ich habe mit vielen Osteuropäern, die genauso fühlen, gesprochen. Der Schlüssel liegt vielleicht in den Worten von Eva Hoffman (Autorin des Romans Lost in Translation ), die nach ihrer Ausreise in die Vereinigten Staaten schrieb: “ In gewisser Weise muss man die eigene Vergangenheit neu schreiben, um sie zu verstehen … Wenn man bestimmte Teilen dieser Vergangenheit ausgeschnitten hat, neigt man dazu, sie entweder durch den Schleier der Nostalgie zu sehen – was eine unwirksame Beziehung mit der Vergangenheit ist, oder durch den Schleier der Entfremdung – was eine unwirksame Beziehung mit der Gegenwart ist … “

Cafe Havelka Ich denke immer, wenn ich in Wien bin, dass, wenn man keine eigene Art von Nostalgie besitzt, man sie erfinden muss. Ich bin überrascht, Schichten von Nostalgie im Cafe Havelka zu entdecken. Alle Wiener sind bereit, das zu zeigen. Der Ort ist kaum beleuchtet, die Stühle quietschen, die Polster sind alt. Aber Havelka ist voll von Menschen. Herr Havelka ist an der Tür und begrüsst seine Gäste. Frau Havelka starb vor ein paar Monaten, so kann man nicht mehr ihre hausgemachte Wurst-und Backwaren bestellen. Die Leute kommen hierher, um miteinander zu sprechen. Es gibt keine Musik in den alten Wiener Cafés und alles, was man hören kann, sind die Gespräche. Havelka bringt zu mir die Geschichte von Frau Bulgarin zurück – der mürrischen Frau mit der Schürze. Das ist die authentischste Geschichte eines bulgarischen Einwanderers, die mir jemals jemand in Wien erzählt hat. Die Fragen kommen immer : Warum haben wir diese Geschichten begraben, warum laufen wir weg vor unserer Vergangenheit? Havelka ist nur Nostalgie, hier kann man alle Nuancen des Wortes  genießen. Nostalgie besteht aus nostos – Rückkehr und algia -Schmerz. Es sollten auch verschiedene Arten von Nostalgie existieren. Eine wäre auf nostos, auf Rückkehr konzentriert. Es ist vielleicht die gefährlichste Art , die uns blind für das  Heute macht. Die andere Nostalgie, vielleicht die heilende Art, besteht auf algia – auf die Wiederverbindung mit dem Schmerz und auf die Akzeptanz dessen existentieller Unausweichlichkeit. Es war Lukas, der sagte: „Schmerz ist eine Geschichte, die in der ganzen Welt existiert .“

 Ivan Milev, Adriana Czernin und Gustav Klimt In Wien treffe ich auch Adriana Czernin, eine erfolgreiche bulgarische Künstlerin, die seit 1990 in der österreichischen Hauptstadt lebt. Adriana bringt mich auf die Idee, dass die „Übersetzung“ von „unserer“ Sprache in „ihre“ Sprache noch nicht geschehen ist. Osten und Westen bleiben weiter getrennt. Ich komme in Kontakt mit Adrianas  Arbeiten in dem renommierten Albertina Museum. Ihre grossformatigen Zeichnungen sind Teil der Ausstellung „Sieben Frauen – Zeitgenössische österreichische Kunst“ (Oktober 2004 – April 2005). Ich schaue mir ihre Bilder an und ich glaube erkennen zu können, dass sie, wie ich, auch versucht, sich mit einer schwer fassbaren, nebulösenVergangenheit zu verbinden. Ihre Arbeiten erinnern mich an meine eigenen Ängste: dass ich keine gemeinsamen Erinnerungen mit den Leuten aus dem Balkan habe, dass meine Erinnerungen an den Kommunismus ganz anders als diese der Tschechen und Slowaken sind, dass meine eigene Sehnsucht nach der Vergangenheit  nichts Gemeinsames mit den Gefühlen sogar anderer Bulgaren hat. Ich fürchte, ich bin absolut allein mit meinen eigenen Erinnerungen, und dass ich in der Lage sein werde, sie zu verstehen, nur wenn ich aufmerksam durch jede einzelne selbst reise. Nur dann, denke ich mir,  werde ich in der Lage sein, mich mit anderen Menschen wirklich zu verbinden.

 Ich genieße sehr das Gespräch mit Adriana Czernin, nach der Ausstellung. Sie wurde 1969 geboren, nur ein Jahr jünger als ich, und ich finde, uns verbindet eine Menge. Sie erzählt mir auch eine Geschichte, die mich in Verwirrung bringt. Hier ist sie: Viele Kunstkritiker vergleichen ihre Arbeit mit dem Jugendstil und persönlich mit Gustav Klimt . Ich frage sie, ob sie das bewusst gemacht hätte. „Nicht wirklich. Aber es ist eine interessante Geschichte. Einen grossen  Einfluss auf meinen Stil hat der bulgarische Maler Ivan Milev. Er ist hier völlig unbekannt, aber  in Bulgarien hatte er seine eigene, sehr persönliche Version des Jugendstils entwickelt, 10-15  Jahre ,nachdem  der Stil in Wien eingeführt wurde. Ich bewundere wirklich seine Arbeit. Früher hatte ich ein Buch mit Reproduktionen seiner Gemälde, die ich da mit großer Aufmerksamkeit studiert hatte. Ich wurde  von den dekorativen Elementen, dem Zusammenspiel zwischen Vorder- und Hintergrund fasziniert. Man ist davon so verwirrt, dass es unmöglich ist zu sagen, was was ist. Jahre später, als ich Klimts Werke in Wien sah, dachte ich, dass Ivan Milev  mehr Kraft, mehr tragische Energie als Klimt hatte und dass Klimts Gemälde irgendwie mehr dekorativ sind. Also, wenn es eine Verbindung meiner Werke zu Klimt gibt, dann durch Ivan Milev…. Seltsamerweise, wenn ich in diesen Stil in Wien zu malen  begann, dachte niemand daran, mich mit Klimt zu vergleichen. Aber jemand hat diesen Kommentar in den Vereinigten Staaten gemacht, nachdem  ich an einer Ausstellung zeitgenössischer österreichischer Künstler in MOCA, Massachsetts teilnahm. Und österreichische Medien wiederholten das… „ Ich frage sie, ob sie jemandem – den Journalisten, denKriitikern – in Österreich etwas über Ivan Milev erzählt habe . “ Nicht wirklich. “ „Niemand ist daran interessiert ? “ „Ich weiß nicht … “ , antwortet sie.

 Das ist es, was mich verwirrt – Ivan Milev wurde von Gustav Klimt ersetzt und niemand wurde betroffen,  absolut keiner… Warum eigentlich?

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