Corona-Schnee

NEU! Das Buch „Corona-Schnee“ ist da!

Der Impuls CORONA-SCHNEE kam durch Antje Metze und ein gemeinsames inspirierendes Schreiben mit Antje und Gergana Ghanbarian-Baleva in BRIX in der Bonner Altstadt, kurz vor dem zweiten Teil-Lockdown Ende Oktober.

CORONA-SCHNEE ist eine Einladung unser Erleben durch CORONA neu zu betrachten – was will in Ruhe gelassen werden, was will sich verabschieden, was will versteckt oder bedeckt werden? …Ihr könnt assoziativ weitermachen und einfach den Impuls auf euch wirken lassen – und schreiben.

Unten kann man die Geschichten lesen, die ihr geschrieben habt, und die Teil des Buchs „Corona-Schnee“ geworden sind.

Viel Spaß beim Lesen und herzlichen Dank an alle Aurorinnen!

CORONA – SCHNEE 1

von Antje Metze

Fällt diesen Winter Schnee und werde ich ihn Draußen erleben oder sehend aus dem Fenster, weil Lockdown ist und ich nicht raus darf.
Bleibe ich dann zu Hause, ist ja auch kalt draußen. Frische Luft braucht der Mensch ja auch nicht. Schleudert nur die Viren durch die Luft, um einen neuen Wird zu finden.
Corona bekommt Jeder oder der Unartige, der sich nicht an die Spielregeln hält. Er schürt Angst, weil Aufklärung und Erfahrungswert fehlt.

Der Schnee fällt leise, Corona kommt leise. Es klopft nicht an und Flocken kündigen sich nicht an.
Beide stumm, der eine atemberaubend der andere Kälte gebend. Coronaschnee! Wirst du Mein?
Wie lange bleibst du? Keine Ahnung. Ich werde sehen, wenn Coronafrühling kommt.

27 Oktober 2020, Bonn

CORONA – SCHNEE 3

von Diana Ivanova

wir sitzen im garten

es schneit

die rote buche und der ahorn-baum

sind voll im schnee

aber der ahorn-baum ist in quarantäne

er ist im garten der nachbarn

prachtvoll und riesig

wir sitzen still und beobachten

eine unsichtbare linie

genau dort wo die hecke

unsere grundstücke teilt

wir dürfen nicht zum ahorn-baum

er ist in quarantäne

teilt unser nachbar

traurig mit

die diagnose wissen wir nicht

stirbt er?

wird er abgeholzt?

der ahorn-baum ist in quarantäne

es schneit

und wir beobachten ihn

begleiten ihn in stille

betten für ihn

es schneit und schneit

und schneit und schneit

27.Oktober 2020

Corona – Schnee 2

von Gergana Ghanbarian-Baleva

Corona im Frühjahr war anders, aber wie wird es wohl sein, wenn es früher dunkel wird, wenn draußen deutlich kälter wird und die Kinder keine Lust mehr haben wie Michelin Männchen eingepackt in den Garten zum Toben rauszugehen.

Wie wird es wohl sein, wenn der Staat den Hahn mit den Geldern für Kurzarbeit zudrehen muss, weil die Kohle nicht mehr flüssig ist?

Wie wird es wohl sein, wenn man nicht spontan draußen eine gute Freundin am Rhein auf ein Kippchen zum Quatschen treffen kann? Wenn die Menschen im Supermarkt immer aggressiver werden, weil sie keinen Bock mehr auf Masken und auf Abstand haben?

Wie wird es am Weihnachten sein wenn wir als verstreute Familie in den Iran, in Australien, in die Schweiz, in Bulgarien und in Deutschland per Skype Bescherung zelebrieren müssen?

Wie wird es wohl sein? Wie wird es wohl werden? Fragen über Fragen!

27.Oktober 2020

Farn

von Eva Wal

Auf dem Feld: Blätter aus Pappe,Karton und altem Leder.

Erster Raureif, fahles Birkenlaub, Aschefarne.

Ich schreibe nicht mehr, treibe nicht mehr, arbeite.

Treibholz, die Zeit ein Sieb.

In diesem Jahr ist das Gras hochgewachsen.

Wenn wir Abschied nehmen, wird die Trauer über unser Fehlen

und unsere Täuschungen aufsteigen wie Frühnebel.

Wir rollen uns ein und weinen nicht mehr.

Wir gehen in die Erde, umschlungen wie

Monde mit Lianenarmen.

Wir treten ein und steigen auf.

Eines Tages sind wir Moleküle, Sterne,

Gras, Schädel, Staub.

Sind wir Teil des Meeres und ein Feuer am Himmel.

Heute rolle ich mich ein mit Zacken auf der Haut,

der Winterhaut.

Dezember 2020

Nicht einsteigen

von Ulrike Schlosser

Mich nicht meinen wechselnden Emotionen gnadenlos ausliefern, diesem Grummeln im Bauch, diesen Unsicherheiten, die mich scheinbar aus heiterem Himmel überfallen – dies ist eine tägliche Herausforderung geworden. Ich will nicht Spielball meiner selbst sein, will mich nicht aufregen über Masken und die Einhaltung der geforderten, empfohlenen Distanz.

Am Samstag sah ich einen Menschen vor dem Eingang vom Edeka sitzen, vor sich ein Becher für Geld. Die Person hatte ein Stofftuch über das Gesicht gebunden bis unter die Augen. Ich konnte nicht erkennen, ob ich Mann oder Frau vor mir hatte, dachte mir nur: nun musst DU dein Gesicht nicht zeigen. Das ging mir nach.

Brauchen wir unser Gesicht nicht mehr zu zeigen, spielen wir ab jetzt Verstecken, noch mehr als jemals zuvor? Hat die moderne Psychologie uns nicht ermuntern wollen, unsere Masken mehr und mehr abzulegen, ermuntern uns zu zeigen, so wie wir sind?

Die Stones haben nach 8 Jahren einen neuen Song auf die Welt losgelassen: I’m a ghost living in a ghost town.

Gestern erhielt ich eine E-Mail von Promod in Bonn: sie schließen. Dann heute in unserer Tageszeitung die Nachricht, dass ein recht großes Bekleidungshaus Insolvenz angemeldet hat.

Ghost-town Bonn, ganz nah, nicht irgendwo weit weg von mir.

Corona macht was mit uns. Mir werden Muster klar, die natürlich vorher auch schon da waren.

An meinem PC klebt ein Post-it: Nicht einsteigen

Nicht mehr einsteigen in den Zug,

dessen Abteile ich schon kenne,

nicht in diesen Zug, 

in dem ich jahrzehntelang 

schon mitgefahren bin.

Ich kenne die Strecke,

in-  und auswendig.

Dieser Zug fährt 

keine neuen Gleise.

Ich sitze schlafend in diesem Zug,

jedenfalls die meiste Zeit.

Manchmal wache ich auf

und springe ab.

April, 2020

Weihnachtstext 2020

von Isha Färber

Verlautbarung der Virologen und Gesundheitsbehörden:

„Weihnachten fällt dieses Jahr aus wegen Corona“

heißt,

…kein Kirchgang; ist aber nicht tragisch, weil ich auch die Vorjahre schon nicht hin gegangen bin.

…keine Gemeinschaftstreffen mit der Familie! Das trifft mich schon härter. Die Kontaktarmut bzw. Die Vereinsamung schreitet voran. Durch die elektronischen Medien wird sie – Gott sei Dank – aber etwas abgemildert. Wie bei allem, was zwei Seiten hat, sehe ich in dieser Situation auch eine Chance: Mehr Besinnlichkeit und weniger Stress an Weihnachten!

Der Weihnachtsbaum steht schon seit einer gestandenen Woche! Die Geschenke – auch abgespeckt wegen des shutdowns vor Weihnachten – sind weitgehend auch schon seit Tagen verpackt!. Weniger Stress – Ja! Mehr Besinnlichkeit – weiß nicht? Halte dies eher für eine innere Einstellung, die sich nicht an Äußerlichkeiten orientiert und wachsen muss. Zumindest kann ich dieses zarte Pflänzchen spüren. Fühle mich zumindest auf einem guten Weg…

Aber zurück zu den Wurzeln von Weihnachten.

Mitgefühl, Freude und Liebe fallen mir dazu an erster Stelle ein. Als ehemaliger katholischer Messdiener muss ich achtgeben, dass nicht schon bei Jesu Geburt Metaphern wie Leid und Opferbereitschaft im Hintergrund mitschwingen. Davon halte ich nämlich überhaupt nichts. Diese freudlose These der katholischen Kirche hat mich zusammen mit der verteufelten Sexualmoral dazu bewogen, dieser Kirche den Rückenzu kehren.

Wenn es eine essenzielle Weihnachtsbotschaft gibt, dann ist es für mich diese: Weihnachten ist das Fest der Liebe! Und….

L i e b e ist Freude,

L i e b e ist Mitgefühl,

L i e b e ist Geben,

L i e be ist Schenken, am besten sich selbst;

L i e b e ist der Motor, der die Welt in diesen schwierigen Zeiten trägt und voran bringt,

L i e b e ist Alles, was zählt,

L i e b e ist…

PS.In diesem Sinne ist Weihnachten jeden Tag. Jesu Geburt ist ein guter Anker, um sich daran möglichst oft zu erinnern.

Frohe Weihnachten wünscht Isha Färber

24 Dezember 2020

Zwei Uhr nachts

von Mats Doufrain

Es ist zwei Uhr nachts. Ein Montag. Alles schläft. Für die meisten mehr ein Dienstag, da es ja schon nach Mitternacht ist, aber ihnen würde es jeden Tag aufs Neue nur das Gefühl geben, ihr Leben nicht so im Griff zu haben, wie der Rest der Welt es vermeintlich zu haben scheint. Sie teilen jede Nacht. Mit zunehmender Uhrzeit, gen Tageswechsel, läuft es immer gleich. Erst wechselt die Gefühlslage hin zu einem mehrwerdenden Freiheitsgefühl je mehr Lichter ausgehen, ehe dieses abflaut und die individuelle Einsamkeit jeden der Beiden mehr und mehr für sich einnimmt.

Sie liegen nackt im Bett. Sie hat die Decke bis unter ihre Achseln gezogen und ist in Gedanken versunken. Die weiße Decke, die sie anstarrt, hat jeden Abend die gleiche Wirkung. Ein Tor in eine Welt, die ihnen beiden besser gefällt, als die ihre. Er liest. Hesses „Bäume“. Sie dreht sich auf die Seite. Mit dem Blick aus dem Fenster und ihm unmittelbar davor, schläft sie jeden Abend ein. Ihr Traum vor dem eigentlichen. Ihre Augen brauchen einen Augenblick, bevor sie aus ihrer vorherigen Trance den Fokus wiederfinden. Irgendetwas scheint anders. Etwas mit ihm scheint nicht zu stimmen. Die Augen finden ihren Fokus wieder. Im Zimmer ist alles normal.

Als sie ihren Blick nach draußen richtet, sieht sie es. Über dem graudunklen Umriss seiner Schulter sieht sie den Schnee herunterfallen. Es ist kein Fallen. Ein Herablassen passt für sie besser als Beschreibung. Ein Herablassen, um eben ihr auch einmal diese Freude zu ermöglichen. Innerhalb eines Augenblicks verlassen beide das Haus. Es hat seit Jahren nicht mehr geschneit.

Es ist totenstill. Kein Auto fährt. Niemand ist draußen. Die Großstadt wirkt menschenleer. Sie sind die ersten, die Spuren in den Schnee ziehen. Sie werden die ersten bleiben, bis die Stadt wiedererwacht. Nur eins wird anders sein. Sie verjagen den Schnee nicht. Die Leere auf den Straßen transformiert die Einsamkeit der Zweisamkeit dieser Zeit wieder hin zu einem Freiheitsgefühl. Normalerweise wäre nun, wie jeden Tag, trotzdem normaler Verkehr auf den Straßen. Die Bars wären noch voll. Busse und Bahnen würden im Minutentakt fahren. Doch nichts. Die Natur schlägt zurück, denken sie. Sie zeigt mal wieder, dass sie nicht und niemals der menschlichen oder technischen Kontrolle unterliegen wird. Ein Zeichen, das den beiden mehr bedeutet, als das Lächeln, welches sie auf den Lippen tragen.

Der Virus war der Auslöser dessen, dies sind sie sich bewusst. Es hat unschuldige Menschenleben gekostet und tut es weiterhin. Dies schmerzt den beiden immens. Niemand sollte durch Krankheiten oder gar Krieg frühzeitig ableben und dies zu verhindern ist eines ihrer höchsten Ziele. Und trotz alledem ist es in der Gesellschaft überhaupt nicht so. Ihre Empfindungen mögen sie getrübt haben, doch wurden durch diesen Virus bestätigt, besonders weiter Kritik zu üben, was die wirklichen Ziele einer Gesellschaft sein müssten. So hat es die Natur auch getan, denken sie sich. Sie fühlen sich bereit es besser zu machen. Besser auch als jene Natur, die sie so bewundern. Wieso muss immer jemand sterben, fragen sie sich. Doch sie sind sich sicher, es war eine erneute Wehr der Natur gegen die rücksichtslose Art der Menschen, mit ihr und anderen Arten umzugehen. Eine Wehr, die die Menschheit bezahlen musste. Eine Wehr, die mehr Probleme der menschlichen Gesellschaft offenlegte, als irgendetwas sonst, was die Nachkriegsgenerationen sich in einer Welt vermeintlich mehr Frieden denn je, hätte ausmalen können.

Sie gucken auf die Uhr. Halb vier. Als sie gerade das Handy einstecken will fällt ihr etwas auf. Es ist der erste Dezember. Heute soll es mal wirklich der Tag sein, der er auch ist, denken sie sich. Die Hoffnung eines Beginns in eine Zeit, in der sich viele Menschen mit ihren jeweils Engsten treffen, auch diesesJahr, und viel nachdenken werden. Es ist anders und wird anders werden. Die beiden gehen nachhause. Eins ist ihnen trotz dieser Demonstration der Natur bewusstgeworden: Der Glaube an ihre Mitmenschen war niemals größer. Es wird anders, aber auch wieder besser!

7.Dezember 2020

In Zeiten der Ansteckung

von B.Dietrich

„Ich wünschte, Du würdest mich anstecken mit Deiner Energie, Deinen ständig neuen Ideen“, hatte Leo zu Greta  gesagt, als er sie zum Bahnhof gebracht hatte. Nun war sie wieder abgereist. Lange hatte Leo dem Zug hinterher gewinkt. Er fühlte sich eigentümlich leer und verlassen. “So eine Fernbeziehung ist wohl doch zu anstrengend für mich“, dachte er.

Greta machte sich derweil im Zug ihre Gedanken. „Er ist häufig so negativ“, dachte sie, „so pessimistisch. Manchmal habe ich richtig Angst, dass mich sein depressives Verhalten ansteckt“ .

Sie waren noch nicht lange ein Paar. Doch fühlten sie sich trotz aller Unterschiede sehr voneinander angezogen. Jetzt mussten sie beide überlegen, wie sie mit dem weiten räumlichen Abstand klar kommen könnten. Der Weg von Hamburg nach München war weit.

Ein gefährliches Virus tauchte auf, mit ihm kam der Corona-Lockdown. Die räumliche Entfernung zwischen ihnen bekam eine neue Dimension. Und schneller als erwartet wurde das Reisen zueinander gefährlich. Das Virus war übertragbar. Das Wort “Ansteckung“ bekam eine neue Bedeutung. Es würde nicht mehr nur darum gehen, ob sie sich gegenseitig positiv oder negativ mit ihrer Lebensart anstecken würden. Ihre körperliche Gesundheit war auf einmal bedroht.

Leo erschrak. Greta sollte auf keinen Fall krank werden. „Nimm die Gefahr ernst“, schrieb er ihr, “pass auf Dich auf, bleib mir gesund! Ich warte auf Dich!“  „Jaja“, antwortete Greta, „so schlimm wird es schon nicht werden. Sei doch nicht so ängstlich, steig einfach in den Zug und komm!“

Wo er sich angesteckt hatte, konnte er nicht nachverfolgen. Seine Erkrankung war nicht lebensbedrohlich, aber er musste einige Tage im Krankenhaus verbringen. Greta spürte ihre Hilflosigkeit, weil sie ihn nicht besuchen durfte. Wie erleichtert waren beide, als sie merkten, dass sie sich in dieser schwierigen Zeit durchaus gegenseitig „anstecken“ konnten, trotz Virus, Krankheit und Entfernung.

26 Januar 2021

Der Jammerschnee

von Paweł Markiewicz

Der Schnee und der kalte Frost.

Der Winter kam in Heimat.

Mein Vogelfreund fliegt weit fort.

So dunkel ist Viruszeit.

Die Zufriedenheit – ein Schein.

Im Schnee lebt ein Jammer-Zwerg.

Die Winterkönigin harrt,

wegen der Corona – weint.

Im Eis wohnt der Erlkönig.

Ich höre seinen Trauerklang.

Virus ist des Menschen Feind.

Ich mag kein Schneetränenland.

1 Februar 2021

Corona-Schnee. 3 Haiku

Von Annika Carmen Schmidt, Berlin-Wedding

antarktisstation

sicher in der eiswüste

ins blaue forschen

frühlingsfrost

schneekugelleben

warten auf sommer

zweiter weihnachtstag

gruppenbild mit grabstein

schräg

[Anmerkung zu „antarktisstation“: Im Dezember 2020 wurden 36 SARS-CoV 2-Infizierte auf der Forschungsstation Bernardo O‘Higgins gemeldet, bis dahin war die Antarktis der einzig Corona-freie Kontinent.]

antarktisstation“ – überarbeitete Neufassung 11.02.2021, erstveröffentlicht 09.09.2020 in „Haiku dichten in Zeiten der Pandemie“, Deutsche Haiku Gesellschaft DHG, Hamburg.

Runter, runter, runter- ein Gespräch unter/ über Viren

Von Karen Schröder

Bist Du das Original oder schon Escape?

Das Original hat bald Seltenheitswert, so wie Werthers Echte.

Darüber macht man keine Witze, nicht über den netten Opa und seinen Enkel, schon gar nicht, wenn es um Viren geht.

Die Kanzlerin sagt, bald wird es das Original gar nicht mehr geben.

Wir werden mit dem neuen leben, sonst nur mit einer Person.

Und bald wieder mit dem Friseur. Das ist eine Frage der Würde.

Im Haaransatz ist alles eitel.

Dabei bist Du nur eine Nummer.

Eine Mutante betritt den Raum, eine andere geht.

Immerhin: Als Virus hat man noch die Chance auszubrechen.

Welche Chance?

Auszubrechen aus dem System.

Welches System?

11.Februar 2021

übliches

von Gerd Meyer-Anaya

die schwarze pest haben wir

was zu beweisen ist überlebt

trotz oder weil wir die ungezählten toten

schmuck und ritenlos außenhalb der städte

in massengräbern  anonym entsorgten

und den emsigen ratten

in unserer späten erinnerung

ein ewiges und drei tage

vorwurfsdenkmal setzten

wobei es damals erwartungsgemäß

andere übliche verdächtige gab

beispielsweise juden

denen man  aus gewohnheit übel mitspielte

die spanische grippe

wie wissenschaftler seit längerem

und fundiert annehmen  

aus den usa gekommen

überschritt wütend

alle grenzen des vorstellbaren

machte sich sprachlos

auf ihre art verständlich

 und weiß so bis heute

vom fünfzigmillionenfachen jung bis alttod

glaubhaft bei wikipedia zu berichten

ohne dass es uns nur hundert jahre fern

heute berührt oder nahe geht

das braune fieber haben wir

vorsätzlich und akkurat ausgelöst

damit abermillionen in den eigenen reihen

polemisch bei massenveranstaltungen

hochgradig infiziert und siebzig millionen

durch den daraus folgenden

ideologischen massenrassenwahn

in den tod gejagt oder ermordet

weil wir dachten so denken  

und handeln und fühlen zu müssen

sei gesundes volksempfinden

und müsse zur weltgenesung

den alles entscheidenden beitrag leisten

wer erinnert sich noch mit schrecken

oder überhaupt daran

dass im winter 2017/18

über deutschland das unheil

in form einer gripprwelle hereinbrach

die 25 000 menschen

in worten fünfundzwanzigtausend menschen

das leben kostete ohne

dass es mit ausnahme einiger statistiker

jemand in der bevölkerung störend bemerkte

nun bedroht uns ein neues virus

das seinen todespreis fordert

und wir werden ihn weltweit

mit menschenleben und dem üblichen

was uns lieb und teuer ist

mittels vorkasse oder auf raten

zaudernd bezahlen

doch was werden wir die überleben konnten

durften oder mussten

diesmal daraus lernen wollen oder können

wenn jetzt bereits wieder

die verschwörungstäter aller höllenrichtungen

schuldige gefunden haben

die nach alter sitte stets die fremden sind

ach brüder und schwestern  

die ihr in angst und voller bangen seid

bevor wir es ganz vergessen

oder es nicht wissen wollen

zwölf millionen jährlich die daran erkranken

harter schanker lues syphillis

begleiten uns getreulich bis heute

durch die jahrhunderte

und wir erfanden weitere namen

welche früh die schuldigen

für uns kenntlich machten

und sprachen je nach bedarf und geografischer lage

von der französischen spanischen

kastilianischen englischen schottischen

oder  polnischen krankheit

so machten oder machen uns

zu den opfern die wir sein wollen

und den nachbarn zum täter

und will sich noch jemand

an die schwulenpest genannte

hiv infektion erinnern

die zu aids wurde und

bislang zweiunddreißig millionen

wir sprechen hier von menschen

aller geschlechter un

sexueller präferenzen tötete

und immer noch

afrikanische dörfer entvölkert

nun es ist ein virus das vermutlich

aus china hinter der mauer kam

doch diesmal noch nicht  als chinesische krankheit

boshaft identifizert wurde

so dachte man bis ein hinlänglich bekanntes

größtmaul aller zeiten

aus den uneinigen staaten von amerika

wie immer lauthals nun

fordert den wuhanvirus zu kreieren

damit eine region und ihre menschen

zu stigmatisieren und weltweit den

wiederkäuenden verschwörungspraktikern

reichlich ingrieenzien

für die obskutitätsküche zu bieten

dies ließ die glaubensterroristen

aus persien das sich modern gibt

iran nennt  und eine religionspolizei braucht

die ihr mörderisches handwerk beherrscht nicht ruhen

sie entdeckten doch

nicht zur eigenen überraschung

dass covid 19 eine neue geheime biowaffe

natürlich des amerikanischen satans ist

und von diesem aus bekannten gründen

böswillig eingesetzt wird

um die muslimische welt zu vernichten

dem konnten die indischen hinduisten nicht nachstehen

die ihrerseits die dort ansässigen muslime

mit der landesüblichen vehemens beschuldigen

diese seien was man schon immer wusste niederträchtig

und deshalb verursacher und verteiler des viruss

nun rotten sich unter dem deckmantel

des schreies nach freiheit und dem ruf

nach der im grundgesetz verbrieften rechte

die hartgesottenen landeseigenen  impfgegner

die nur wir haben recht  brüller übliche spinner

scheinbesorgte randbürger ewig verführbare

zusammen mit denen die einen virus

als willkommenen vorwand nehmen

um sich rechtsaußen zu profilieren

was bleibt uns anderes zu tun

als zu warten auf weitere schuldige

Einöde

von Andreas Wirsz

Was bedeutete Einsamkeit in diesen turbulenten Zeiten? In irgendeiner Art und Weise wurde jeder davon betroffen. Sogar Menschen, die zuvor gerne allein gewesen waren.

Manu gehörte nicht zu diesen Menschen. Er lebte von Gesellschaft, von Freundinnen und Freunden und von Familie. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Nun wurde er wie jeder andere auf eine harte Probe gestellt. Sozial sein, solidarisch sein hieß jetzt auf einmal, Abstand voneinander zu nehmen. Das, was uns Menschen ausmacht, wurde zur Gefahr. Für Manu war es eine Selbstverständlichkeit. Zu Beginn hieß er es willkommen. Als Schriftsteller benötigte er Ruhe und Gelassenheit, um zu arbeiten. Frei von Ablenkungen hatte er keine Ausreden mehr, seine Arbeit vor sich her zu schieben. Er war gerne Autor, was er allerdings am meisten liebte am Schreiben war das Fertigsein. Der Weg dorthin hieß jedoch erst einmal unablässiges Tippen. Das erforderte ein hohes Maß an Konzentration.

Zunächst war es erfrischend, aber nach den ersten Wochen begann die Isolation an ihm zu nagen. Die Lockdown-Maßnahmen wurden nach und nach verschärft. Es gab immer weniger Gründe, das Haus zu verlassen. Die Treffen mit Freunden wurden zunehmend seltener. Seine Wohnung, die ihm bisher geräumig und gemütlich vorgekommen war, wurde zu einem Gefängnis. Seinem Gefängnis. In normalen Zeiten hatte er sich immer gewünscht, mehr Routine in seinen Tag zu bekommen, produktiver zu werden. Jetzt wurde seine Routine zu einer reinen Monotonie. Aufstehen, Kaffee trinken, Zigarette rauchen, schreiben, zwischendurch etwas essen, wieder schreiben, schlafen gehen und am nächsten Tag alles wieder von vorne. Mit dem Buch kam er kaum voran. Stattdessen starrte er die meiste Zeit auf einen leeren weißen Bildschirm. Er hatte das Gefühl, er würde so langsam verrückt werden. Etwas musste sich ändern. Nur was? Es kam ihm vor, als würde die Welt stillstehen. Kulturveranstaltungen, Restaurants, Kneipen, all das, was er sonst so gern getan hatte, durfte er nicht mehr. Diese gottverdammte Einsamkeit.

Seine Gedanken schweiften ab und er erinnerte sich an seinen Großvater. Nachdem seine Großmutter gestorben war, hatte sich sein Großvater eine Hütte im Wald gebaut, mitten im Nichts. Er hatte die Menschen sattgehabt. Außerdem waren seine Kinder mittlerweile erwachsen und er war bereits in seinem wohlverdienten Ruhestand. So hatte er sich entschieden, einfach auszusteigen, aus seinem gewohnten Leben. Bis zu seinem Tode hatte er dort, in der Hütte im Wald, glücklich gelebt. Manu fragte sich, wie er diese Einsamkeit ausgehalten hatte. Doch dies schien der entscheidende Punkt zu sein. Sein Opa war nie einsam gewesen, er hatte einfach beschlossen, allein zu sein. Alleinsein war nicht mit Einsamkeit gleichzusetzen. Mit dieser Erkenntnis im Kopf packte er seine notwendigsten Sachen zusammen. Mit dem Laptop und dem Schlüssel zu eben dieser Hütte, den er kurz zuvor bei seinen Eltern abgeholt hatte, machte er sich auf den Weg.

Die Hütte stand inmitten einer Lichtung im Wald und war nur zu Fuß erreichbar. Manu musste über eine Stunde lang einen Pfad durch den Wald entlanggehen. Inzwischen waren Wölfe in dieser Gegend zu Hause, aber glücklicherweise hat er keinen von ihnen angetroffen. Er stampfte durch den Schnee zum Eingang der Hütte. Neben dem Hauptgebäude befand sich eine kleine Scheune, in der unter anderem Werkzeug und Jagdausrüstung aufbewahrt wurden und eine Speisekammer. Angrenzend dazu stand ein großer Generator, der die Hütte mit Strom versorgte. Ganz ohne jeglichen Komfort und vollkommen der Natur überlassen hatte sein Opa auch nicht leben wollen. Außerdem verbrachten Manus Eltern im Sommer oft mehrere Wochen hier, dadurch war alles in guter Verfassung und voll ausgestattet. Er brachte lediglich ein paar Einkäufe mit, die er im Kühlschrank aufbewahren würde.

Bevor er die Treppe zur Veranda hochging, hielt er einen Moment inne. Er nahm einen tiefen Atemzug und genoss die frische Winterluft. Es war ungewöhnlich und dennoch erfreulich, etwas anderes zu atmen als den stetigen Feinstaub der Großstadt. Er betrat die Hütte.


Das Hüttchen bestand größtenteils aus Holz, lediglich der Kamin war aus Backstein. Es war ein großer Raum mit einer kleinen Küchenzeile in der Ecke. Alles war rustikal eingerichtet. Vor dem Kamin standen ein altes Sofa und ein paar Sessel um einen kleinen Kaffeetisch herum. In der Mitte des Raums lag ein Teppich aus Fell. Manu musste nur an die Wand sehen, um herauszufinden, von welchem Tier er stammte. Dort hing der ausgestopfte Kopf eines Hirsches mit einem großen Geweih. Sein Großvater war leidenschaftlicher Jäger gewesen und hatte auch nur gegessen, was er selbst erlegt hatte. Manu war das zu makaber. Er war zwar kein Vegetarier, aber Köpfe von getöteten Tieren aufzuhängen, ging ihm doch ein bisschen zu weit. Nichtsdestotrotz konnte er nicht leugnen, dass es zum Charme der Hütte beitrug. Auf der rechten Seite war ein Gang, der zum Schlafzimmer führte. Ein Badezimmer gab es nicht, nur ein Plumpsklo hinter der Hütte.

Nach einer ersten Inspektion packte erst seine Sachen aus, stellte die frischen Lebensmittel in den Kühlschrank und richtete sich seinen Arbeitsplatz vor dem Kamin ein. Er heizte den Kamin mit dem Holz ein, das vor der Hütte aufgestapelt war und setzte heißes Wasser auf dem Gasherd in der Küche auf.

Mit dem frisch gekochten Mokka in der Hand trat Manu auf die Veranda heraus. Dort stand noch der alte, wettergegerbte Schaukelstuhl seines Großvaters. Mit einem Seufzen ließ er sich darauf nieder und blickte auf die offene Lichtung. Er trank in langsamen Zügen seinen Mokka und genoss die wohlige Wärme des Getränks. Endlich konnte er es sich gemütlich machen und zur Ruhe kommen.

Das schneebedeckte Feld erstreckte sich mehrere hundert Meter bis zum Waldrand. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so eine Stille erlebt hatte. Der nächste Ort war dutzende Kilometer entfernt. Kein Zeichen von Zivilisation weit und breit. Er empfand ganz neue Sinneseindrücke. Eine leichte Brise wehte über den Schnee, der leicht aufwirbelte und einzelne Flocken in der Luft tanzen ließ. Hier und da hörte er ein entferntes Rascheln im Unterholz. Er nahm an, dass dort ein paar Hasen oder Vögelchen herumhüpften. Die Luft war so rein, sodass er das Gefühl hatte, er könnte jeden Quadratzentimeter dieser Natur riechen, hören und schmecken. Nach und nach begriff er, was seinen Opa zu dieser Art des Lebens bewegt hatte. Lange hatte er sich nicht so frei gefühlt. Die Probleme des Alltags und der Welt schienen ihm unvergleichlich fern von hier.

Manu hörte ein Knirschen. Es waren Schritte, die der Schnee nicht gänzlich dämpfen konnte. Rechts aus dem Wald, ungefähr dreißig Meter entfernt, sah er einen Wolf herauslaufen. Sofort stand Manu auf. In diesem Moment hielt der Wolf inne und blickte zu ihm rüber. Beide waren wie erstarrt. Sie schauten sich direkt in die Augen. Manus Verstand sagte ihm schnell in die Hütte zu gehen, aber merkwürdigerweise schien ihn etwas in seinem Inneren daran zu hindern. Das Raubtier bewegte sich kein Stück, es starrte ihn nur aus unergründlich dunklen Augen an. Der Wolf war ganz ruhig. Manu fühlte sich nicht bedroht, aber ein eigenartiges Gefühl machte sich in ihm breit. Der Wolf zog ihn in seinen Bann. Der Dampf seines warmen Atems stieg aus seinem offenen Maul auf. Die Sekunden vergingen und doch kamen es Manu wie Minuten vor.

Plötzlich drehte der Vierbeiner sich um und verschwand wieder im Wald. Manu atmete kräftig aus. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er die ganze Zeit die Luft angehalten hatte. Er ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen. Für ein paar Minuten saß er nur da und schaute in die Natur. Es war nicht so, als hätte er Angst gehabt. Sein Puls war erstaunlich ruhig. Vielmehr stiegen in ihm bisher unbekannte Emotionen auf. Er war sich nicht sicher, ob es die Abgeschiedenheit war oder ob er sogar halluzinierte. Dafür schien er allerdings zu gesammelt zu sein. Etwas tat sich in ihm auf. Er ging zurück in die wohlige Wärme der Hütte, setzte sich an seinen Computer und schrieb bis zum Morgengrauen.

Auf Safari im Kleiderschrank

von Peter Biro

Wir haben das Reisen im Blut. Ein längerer ununterbrochener Aufenthalt zuhause verursacht uns einen zunehmenden Leidensdruck. Wir wollen in die Ferne reisen, können aber nicht. Mit tränenerstickter Stimme sprechen wir von Palmenstränden, Bergtouren und an unser Herz gewachsene Autobahnraststätten mit Selbstbedienung und Münzautomaten beim Einlass zu den Waschräumen. Manchmal sitzen wir nur unbewegt da und starren in die Ferne, die sich hinter der Wandtapete bis in die Unendlichkeit erstreckt. Hinzu kommen mit der Zeit immer mehr körperliche Beschwerden: der Blutdruck gerät durcheinander, es juckt und zwickt mal hier, mal dort, und vor allem bei mir gibt es manchmal Anfälle von Schlafwandeln, bei denen ich vom Waten im Meer bei Ebbe und Sonnenaufgang träume.

Nun liegt unsere Reise nach Dubai bereits fast einen ganzen Monat zurück und schon spüren wir wieder das Fernweh, die Sehnsucht nach exotischen Ländern, fremden Kulturen und seltenen Infektionskrankheiten. Letztere wollen wir natürlich nicht am eigenen Leib erfahren, sondern die Gewissheit geniessen, dass wir trotz abenteuerlicher Ausflüge in abgelegene Gegenden, gesund bleiben und uns nichts dergleichen einfangen.

Der innere Druck, der auf uns wegen dem anhaltenden Daheimbleiben lastet, hat inzwischen groteske Ausmasse angenommen. Das führte zu teils bedenklichen Änderungen in unserem normalen Verhalten. Meine Frau legte ihren geliebten Liebesroman aus der Hand und blätterte nur noch in abgelaufenen Reiseprospekten. Ich wiederum schaute mir stundenlang Fotos von den letztmaligen Reisen an, um wenigsten so den Geschmack der weiten Welt wiederaufleben zu lassen. Aber das alles half nichts, nicht einmal das regelmässige Schnuppern in unseren Reisenessessärs oder das Umarmen der leeren Hartschalenkoffer.

Wir sind uns natürlich bewusst, dass aufgrund der vorherrschenden Pandemie und den überall in Kraft getretenen Restriktionen, an längere Reisen nicht zu denken ist. Und mit längeren Reisen meine ich alles, was über die Fussmatte vor unserer Haustür hinausgeht. Wir dürfen uns nur innerhalb unserer Wohnung frei bewegen und all die anderen, verlockenden Reiseziele, die es da draussen gibt, sind entweder unerreichbar oder benötigen das Vorlegen verschiedenster Gesundheitszeugnisse und Beweise für absolute Dringlichkeit. Natürlich haben wir nichts dergleichen vorzuweisen.

Und dann war es plötzlich soweit. Vorgestern am Frühnachmittag sind bei uns alle Geduldsfäden gerissen und wir sind zu unserer nächsten Reise aufgebrochen. Wir hatten diesmal keine langen Planungen gemacht und auch nur das nötigste eingepackt, um für die mehrstündige Abwesenheit aus den gewohnten Verhältnissen gewappnet zu sein. Ich nahm nur meinen Rucksack mit dem Nötigsten mit, meine Frau eine Reisetasche und ihren unentbehrlichen Schminkkoffer. Diesmal wollten wir auch nicht alle Etappen minutiös vorausplanen wie ehedem – nein, mit der Entschlossenheit erfahrener Globetrotter bekundeten wir unsere Absicht, diesmal zu improvisieren und uns von den aufkommenden Ereignissen und Begegnungen tragen zu lassen.

«Was soll uns schon Schlimmes passieren?», sagte ich rhetorisch fragend zu meiner abreisefertigen Ehefrau, «Ich habe die Trillerpfeife bei mir und genügend Taschentücher eingepackt».

«Und den Grundriss?» fragte, sie in einer Mischung aus Reisefieber und Besorgnis.

«Hab ich Darling, sogar mit eingezeichneten Wasserhähnen und Lichtschaltern».

Dann brachen wir frohgemut auf. Als Erstes unternahmen wir eine halbstündige Wanderung auf der Terrasse. Für einmal genossen wir endlich die Frischluft und den fahlen Sonnenschein, der unser Mehrfamilienhaus am Nachmittag von Westen her beleuchtet. Mit Grundriss und Kompass in der Hand fand ich ganz leicht den Weg um den Gasgrill herum, dann marschierten wir den Schlangenpfad zwischen den Blumenkübeln entlang und machten kurz Rast neben dem Wasserhahn, von dem ich den Bewässerungsschlauch abgezogen hatte. Dergestalt konnten wir unsere Feldflaschen wieder auffüllen, um für den Rest der Abenteuerreise genügend Wasserreserven zu haben.

Wir hielten zwischen den Stängeln nach den Tieren des Waldes Ausschau, aber sie müssen sich bis in die hintersten Ginsterbüsche zurückgezogen haben. Keine Spur von Schnecken, Käfern oder anderen Kreaturen. Auch von Eingeborenen war nichts zu sehen, so dass wir unverrichteter Dinge abzogen. Manchmal muss man halt auf folkloristische Darbietungen verzichten, was nicht schlimm ist, wenn man bedenkt, dass sie nur extra für Touristen aufgezogen werden. Von Authentizität ist da heutzutage keine Spur.

Nachdem wir alle Winkel der Terrasse erkundet und fotographisch festgehalten hatten, traten wir die zweite Etappe der Reise an und brachen umgehend zum weit abgelegenen Duschbad am anderen Ende des Korridors auf. Diese subtropische Nasszelle ist berühmt für seine Wasserfälle aus den diversen Duschköpfen und den seitlichen Massagedüsen. Anstatt eines geeigneten Reiseprospekts, hatte ich vorausschauenderweise die Gebrauchsanweisung der Dampfduschanlage mitgenommen. So konnten wir die vielen Funktionen live durchprobieren und uns verwöhnen lassen. Verzückt standen wir eine Weile unter der Regendusche und liessen das herrliche Thermalwasser in silbrigen Rinnsalen an uns herunterlaufen. Nebenbei wuschen wir auch noch den Staub aus unseren Haaren, der sich während der vorherigen Wanderung auf der Terrasse angesammelt hatte.

Nach so vielen Sehenswürdigkeiten und aufregenden Reiseerlebnissen war es dann Zeit für die erste Übernachtung. Nach einer kurzen Mahlzeit mit den mitgebrachten, belegten Broten, die wir – kurz vor dem Aufbruch – auf dem Boden des Duschwanne hockend, verspeist hatten, schlugen wir unser Zelt im Korridor auf und breiteten die Schlafsäcke auf dem einladend glänzenden Parkettboden aus. Die kleine Petroleumlampe verbreitete ein heimeliges, warmes Licht und liess in uns Gefühle von Prärieeinsamkeit und windgepeitschter Steppenweite aufkommen. Die Nacht verlief relativ ungestört, wenngleich wir sehr wohl die Härte des Untergrundes voll zu spüren bekamen. Aber ohne gewisse Kompromisse beim Komfort kommt man in der Welt nicht herum. Noch vor dem Einschlafen stellten wir uns den tiefschwarzen, sternengesprenkelten Himmel über unserem Obdach vor, so wie wir ihn von tropischen Breitengraden her kannten; oben links Orion, rechts über dem Fussende das Hohlkreuz des Südens. Aber lange konnten wir den Anblick des Zeltdachs von Innen nicht bewundern, denn der monotone Klang des unweit von uns rauf- und runterfahrenden Aufzugs begleitete uns bis in den Schlaf, jenen erquickenden Schlummer, den erschöpfte Wandersleute nach einem anstrengenden Tagesmarsch durchleben.

Am nächsten Morgen durften wir die Segnungen der Zivilisation im grossen Badezimmer in Anspruch nehmen, wo wir fröhlich sprudelnde Quellen für fliessend kaltes und warmes Wasser vorfanden. Es war sogar Flüssigseife in einem eigens für die Ankömmlinge hingestellten Spender vorhanden. Man muss nur wissen, wie man es auf Abenteuerreisen anstellt, auf einen gewissen Luxus nicht verzichten zu müssen. Hier konnten wir uns, von anderen Reisenden ungestört, für den zweiten Reisetag frischmachen. Dann stand der Höhepunkt unseres Ausflugs bevor, worauf wir uns sorgfältig vorbereiteten: auf die Safari mit ausgiebiger Mottenjagd im Kleiderschrank.

Die Anreise zum Schlafzimmer gestaltete sich schwieriger als erwartet. Wir verfehlten mehrere Male die richtige Zimmertür und landeten stattdessen in der Waschküche, wo wir ziemlich viel Zeit mit der Suche nach dem Rückweg zum Korridor vergeudeten. Aber es reichte noch, zumal die Motten insbesondere zur Abendstunde aus den Kleiderfalten hervorzukriechen pflegen und so leichter auffindbar sind. Und dann standen wir plötzlich davor: die Tür zur Ankleide in ihrer ganzen Pracht! Mit einer eleganten Handbewegung gelang es meiner Frau, die Tür aufzumachen und schon fiel unser Blick auf den grossen Wäscheschrank mit ihren unerschöpflichen Jagdgründen.

Wir richteten am Fusse der mächtigen, sechstürigen Schrankwand unser Basislager ein und schauten hinauf zu den steil herabhängenden Kleidern – bis ganz oben hinauf, zur im Hochnebel gerade noch sichtbar gestapelten Bettwäsche. Und da waren sie schon, unsere potenziellen Trophäen, die sich nichtsahnend auf einer Bügelfalte zum freundlichen Meinungsaustausch versammelt hatten. Während meine Frau die Aktion filmte, schlug ich mit beiden Händen nach den alarmiert davonstiebenden Flatterern, von denen ich bereits beim ersten Streich fünf erlegen konnte. Weitere zwölf Textilfeinschmecker musste ihr Leben unter den gnadenlosen Schlägen mit dem linken Hauspantoffel aushauchen, den ich beherzt ergriffen und mit grosser Kunstfertigkeit als Schlagwaffe einsetzte. Hierbei konnte ich meine überlegene, rechte Vorhand einsetzen und auch die etwas weniger wirksame Rückhand profitierte noch von meinen jüngst erworbenen Erfahrungen. In spiraligen Kreisen stürzten die erlegten Insekten den Steilhang herunter und wurden unter Jagdhornklängen von meiner Frau nach Grösse sortiert nebeneinander aufgereiht.

Die oberen Ablagen waren nicht einmal auf den Zehenspitzen stehend erreichbar. Deshalb gürteten wir unsere mitgebrachten Seile fester und ich hangelte mich an den provisorisch ins Holz geschlagenen Haken und Ösen nach oben. Mit alpinistischer Gewandtheit straffte ich mein Seil und suchte die besten Haltepunkte auf dem beschwerlichen Weg zum Gipfel. In der senkrechten Schranknordwand hängend, konnte ich nur noch mit einem Arm nach den Schädlingen ausholen. Mehrmals musste ich meine von unten besorgt zu mir hochblickende Frau um mehr Seil bitten, denn nur so konnte ich mich in die beste Schussposition bringen. Dann wuchtete ich mich einen ganzen Meter höher, nachdem ich mit dem rechten Fuss einen festen Halt auf der Kleiderstange gefunden hatte. Leider löste sich dabei eine Lawine von lose auf Kleiderbügeln hängenden Wintermänteln, so dass meine Frau zur Seite springen und den Sicherungsseil loslassen musste. Ich konnte mich gerade noch mit der freien Hand am Tablar festhalten, sonst wäre ich noch in die gähnende Tiefe gestürzt. Nach kurzer Überprüfung meiner Kletterausrüstung setzte ich den Aufstieg fort. Die Überlebenden der bisherigen Jagdpartie hatten sich bis dort oben, bei den Hutschachteln jenseits der Kleidergrenze zurückgezogen, aber ich war ihnen dicht auf den Fersen.

Beim obersten Tablar in zweifach gesicherter Position angekommen, konnte ich für einen Moment den freien Blick über das gesamte Panorama des Schlafzimmers geniessen. Da aber hatte ich wieder eine freie Hand, um mit den mitgebrachten Mottenkugeln nach den auseinanderstiebenden Biestern zu werfen. Leider hatte ich die andere Hand nicht frei, um die Höhepunkte dieser denkwürdigen Grosswildjagd fotographisch festhalten zu können. Aber noch vor dem nicht ungefährlichen Abstieg in die Niederungen der Schubladenebene, konnte ich mir wenigstens eine weidmännisch erlegte Motte einstecken – gewissermassen als Erinnerung an diese denkwürdige Safari. Ich weiss noch nicht, ob ich nur ihren antennenbewehrten Kopf ans Brett nageln, oder gleich den ganzen Leib ausstopfen und in Epoxidharz einschliessen soll.

Für die Rückkehr von der Reise hatten wir keine konkreten Pläne gemacht. Wir schlossen den entmotteten Kleiderschrank wieder, schulterten unser Reisgepäck und wanderten über Korridor und Diele bis ins Wohnzimmer. Heil und glücklich angekommen, warfen wir uns erschöpft aufs Sofa, verschnauften ein wenig und begannen anschliessend unsere Erlebnisse Revue passieren zu lassen. Nichts ist so herrlich wie die frischen Erinnerungen gleich nach dem Erlebten durchzunehmen, während man die Strapazen der Reise in den Knochen spürt. Dann hat man erst recht was davon.

Zunächst wagte ich noch gar nicht darüber zu sprechen, aber im Stillen hatte ich mir bereits Gedanken über unsere nächste Abenteuerreise gemacht. Nun war die Zeit gekommen, damit herauszurücken. In den wärmsten Farben des reiseerfahrenen Weltmannes schilderte ich meiner Frau die zu erwartenden Höhepunkte der nächsten Abenteuerreise: ein mehrtägiger Aufenthalt mit Halbpension in der Tiefgarage und mittels kundiger Reiseleitung geführten Tagesausflügen zum Kellerverschlag und in die Besenkammer.

Fließbandarbeit

von Daniel Schulz

Halt mein Herz fest

Und lass den Schnee drauf fallen

jeden Atemzug

den ich hier noch machen darf

soll aufgehen darin.

Ich zähle die Flocken,

die vom Himmel fallen.

Ich zähle wie viel Schläge

mein Herz noch pumpt.

Wird es wieder ruhiger?

Ich kann es bersten hören,

ganz leise. Als sei es nichts.

Wie am Fließband arbeite ich,

dass ich am Leben bleibe.

Doch nichts ist wie zuvor.

Mild

von Daniel Schulz

Einsam und allein starre ich an die Decke. Die Lungen funktionieren, aber wenn ich aufstehe wird alles wirr. Der Raum dreht sich plötzlich als ob ich angetrunken wäre. Ich schwanke. Mir ist fast als ob ich kein Sauerstoff bekäme. Draußen liegt der Schnee.

Zumindest etwas, denke ich mir, und grabe mich noch einmal in meine Decke ein, denn ich darf nicht nach draußen gehen. Ab heute wird alles anders als zuvor, aber niemand weiß davon. Ich bin allein und niemand weiß Bescheid. Vielleicht weil ich keine Freunde habe. Vielleicht weil ich nicht will, dass sie sich Sorgen machen. Wenn ich aus der Quarantäne bin ist es dann vorbei?

Glücklich soll ich sein, weil ich mildere Symptome hatte. Der Kollege auf der Arbeit lacht mich ohne Maske an. Ich bin ja jetzt immun. Bin ich das?

Abends steh ich draußen, als es wieder schneit, und lass den Schnee auf mich fallen. Mein Herz schmerzt dabei vor Anstrengung, berstet fast. Zu viel. Also leg ich mich in den Himmel, der auf mich fällt, und mache Engel im Schnee, der mich bedeckt.

„…Aus einem Jahr zwischen Endlichkeit und Lebenslust“

von Ludger Bönsch

„Endlichkeit“ – das war der eine Pol, an dem ich mich oft erlebte in diesem eigenwilligen und vielseitig spannungsvollen Jahr 2020. Da setzte Corona so unendlich vielem Grenzen und machte deutlich, dass das wie selbstverständlich wiederkehrende keineswegs so verlässlich ist wie zuvor gewohnt und gedacht. Aber Corona zeigte auch Brüchigkeiten auf, scheinbar unmerkliche Risse, die offensichtlich wurden und die es zu betrachten galt. Was davon wird sich heilen lassen? Was von all‘ dem vertrauten wird zurückkehren?

Für mich ging das Projekt der zuversichtlich geplanten Alters-WG in Westermoor7 zu Ende. Und das Goatmilk-Festival in Bela Rechka wird es wohl in seiner mir vertrauten Form nicht mehr geben. Und wie wird sich irgendwann ein volles FC-Stadion anfühlen? Und wie die Arbeit mit meinen Patientinnen und Patienten, wenn ich ihre Mimik, die seit April hinter Masken verborgen bleibt, wiedersehen kann? Und wie irgendwann die kleinen und großen Konzerte, und wie das HaldernPopFestival? Und, und, und …?

Nicht wiederkehren, jedenfalls nicht hier auf Erden in unseren Alltag, wird unsere Mutter. Im Mai erlitt sie einen Schlaganfall und erfreute sich und uns noch gut drei Monate an und mit ihrem Leben im Krankenhaus und in einem Altenheim hier in Köln. Ende August ist sie dann plötzlich an einem zweiten Schlaganfall gestorben …

„Lebenslust“ – der andere Pol meines Jahres 2020, das war sie und ihr Leben in diesen drei Monaten prägend. Nicht ein „Festhalten“ am Leben, kein Klagen über die gewaltige Veränderung ihrer Lebensumstände (bis dahin lebte sie sich allein versorgend in ihrer Wohnung und war nun plötzlich pflegebedürftig) – sondern Dankbarkeit, Neugier und Lust an und in dieser neuen Lebenssituation. Ich habe viel „gelernt“ in dieser Zeit. Oder schon zuvor „gelerntes“ hat sich mehr zeigen und entfalten können: kein Festhalten am Vertrauten, kein Klagen über die Veränderungen meines Lebens – aber „Lebenslust“ mit Dankbarkeit, Neugier, Vertrauen und Zuversicht!

Und es war ja doch auch so viel möglich in 2020! Auch Musik – und ein ganz wunderbarer „Haldern-Tag“ zuhause. Und trotz ausfallendem Kultursommer konnten wir mit unserem Festival „againspeicher“ unsere jungen Künstler auch ohne Öffentlichkeit in der PLEWA-Fabrik kreativ werden lassen. Und dort war auch unter besonderen Umständen möglich, die igt-Tagung (sonst in Lindau eines meiner Jahres-Highlights) zu erleben, diesmal online. Und bulgarisches Singen wurde draußen möglich. Und (fast) wie gewohnt konnte ich im Dezember zehn Tage bei Teresa in Tallinn verweilen. Und mein kleiner Enkel Benjamin lebt mit Lukas und Lena weiter sein sehr besonderes Leben. (Übrigens: wer von diesem mehr lesen möchte, der mag sich gerne bei mir für den Newsletter unseres Vereins „Team Benjamin“, auch übrigens freudig gegründet in 2020, anmelden). Und auch: ich hatte, so will ich es nicht anders sagen: ich hatte das Geschenk, meine Arbeit, mein Tun und Wirken im St.Agatha-Krankenhaus weiter tun zu können! Ungewöhnlich und stets sich verändernd zwar – aber so hatten alle Tage auch vertrautes mit vertrauten und anvertrauten Menschen. Und, und, und …!

Auch ganz viel Licht im Dunklen also – wie es so viele Bäume im in dieser Jahreszeit so dunklen Estland in Tallinn vermitteln, wie es sich die Menschen dort in ihre Stadt holen und sichtbar machen.

Manchen von Euch habe ich schon vom Märchen „Der Drache der Quelle“ erzählt. Lasst Euch diese so wundervolle Geschichte von Gidon Horowitz auf YouTube selbst erzählen! (https://www.youtube.com/watch?v=ZsBZs1YR9kU)

Und was bedeutet es mir und, dass ich es Euch so ans Herz lege? – ganz einfach: Vertrauen – haben können dürfen finden wollen …

Durch den Schnee gestapft

von Mina Schelpmeier

Ich bin für dich durch den Schnee gestapft. Ich habe mich regelrecht durchkämpfen müssen, denn die Straßen, sowie die Gehwege waren knöchelhoch oder höher bedeck. Alles war weiß, wie in Drei Nüsse für Aschenbrödel. Romantisch eigentlich. Denn ich konnte jetzt nicht kurz das Auto nehmen und bei dir parken. Nein, ich musste zu Fuß gehen, wenn ich dich sehen wollte. Das wollte ich sogar sehr. So entschied ich noch zwei T-Shirts unter den Pulli zu ziehen und setzte die dicke Wollmütze auf. Die mit dem großen Bommel.

Ich bin für dich durch den Schnee gestapft. Mühsam und angestrengt, zugleich zurückversetzt ins Kindesalter, als ich zuletzt, wenn überhaupt jemals, so viel Schnee sah. Während ich mich vorankämpfte, dachte ich an all die Liebenden vor mir, die so durch den Schnee gehen mussten. Generationen von hoffnungslos romantischen Zu-Fuß-Gehern, die jede Strecke auf sich nahmen, um den Geliebten zu sehen. Mein Großvater hat dies sicher auch getan. Er hatte nie einen Führerschein, nur einen Wanderstock.

Liebe in Zeiten von Schneestürmen, Liebe in Zeiten von Corona. Mit Bedacht, mit Willenskraft und Vorsicht. Denn so wie ich für dich durch den Schnee gestapft bin, so habe ich soziale Kontakte vermieden. Damit wir uns haben. Ich dich sehen kann. Ohne Angst, ohne auszurutschen und auf die Nase zu fallen. Romantisch eigentlich. Liebe uneigentlich.

Umhüllungen

von Eva Wal

Blau ist die Farbe der Tage
Zumindest der Himmel spricht klare Worte


Die Natur ist ein freundliches Haus
Eine samtene Hülle

Warme Luft vermählt sich mit Märzkühle

Eine taubenetzte Weide spannt sich
über das Wurzelwerk meiner Seele

Ich klaube aus den Rillen und Furchen der Tage
Verlese streue schlafe spreche

Mein alter Wald ist neu erwacht

Die Zugänge geöffnet wie
wächserne Münder mit Zungen aus
Wildbienenhonig

Ich stecke meine Hände in den Boden
dann in den Bach
Lasse sie an der Sonne trocknen

Hineingestreckt in den Äther werden sie transparent

Sie fassen pastellfarbene Monde

Die gehen auf weichen Pfaden
scheu wie Rehe in der Dämmerung

Traumwandlerisches Erwachen in Corona-Tagen.



Veröffentlicht auf dem Blog der Zeitschrift DAS GEDICHT




Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.