UNSERE CORONA-TAGE

Liebe Freunde, Gäste und Autoren unseres SALONS 29!

Hier veröffentlichen wir eure Geschichten zum Thema UNSERE CORONA-TAGE.

Es sind besondere Zeiten, die wir erleben und die vielleicht unser Verständnis WER BIN ICH, WER SIND WIR verändern werden. 

Genau mit diesen Fragen hat unser Salon Ende 2016 begonnen.  Jetzt wollen wir euch alle einladen – Gäste, Freunde, Autoren – darüber nachzudenken und uns eine kurze Geschichte zu schreiben – es kann etwas aus dem Alltag sein, eine Beobachtung, Gedanken, Erlebnisse, neue Ideen oder Gefühle, die aufgetaucht sind. 

Unsere Idee ist SALON29 als Resource zu sehen und zu nutzen und weiter in einem gedanklichen Austausch zu bleiben.  

Unten kann man alle Geschichten lesen, die unter diesem Aufruf seit März 2020 geschrieben wurden. Sie sind auch Teil des Buchs „Corona-Schnee“, das bei Salon 29 bestellt werden kann.

Viel Freude (und Kraft) beim Lesen und Schreiben!

(Alle Fotos unten von Diana Ivanova)

8 April 2020

Ganz leise

Frederik Durczok, Bergheim

Es ist der soundsovielte Tag seit Corona. Ich muss meinen Kalender aufschlagen, was nur noch selten geschieht, um dies genauer sagen zu können: drei ganze Wochen und zwei Tage.

Und ich sitze zu 90 % der Zeit allein in meiner Wohnung. Es war größtenteils eine tolle Zeit, keine Frage. Doch davon zu schreiben wäre langweilig. Ich habe nun meine zweite Krise. Die erste Krise hatte ich vor zehn Tagen, kurz, nervös und aufwühlend. Ich war von den komplizierten Eiertänzen um Dinge, die sonst ganz intuitiv geschehen und der Regelung der wichtigsten sozialen NichtKontakte überfordert. Dazu mischte sich noch ein wenig revolutionärer anti-Geist – durch die einen Freunde befeuert, durch die anderen beschwichtigt. Und überhaupt: die verschiedenen Einstellungen von calvinistischer (?) Anpassung bis zu „alternativem“ Trotz schienen an mir zu zerren. Die erste Krise war schnell überwunden.

Jetzt ist es anders. Diesmal ist alles ruhiger, unaufgeregter, klarer – kurz gesagt: es ist viel schlimmer.

Auch wenn ich vorsichtig geworden bin, in diesen Tagen düstere Dinge zu verbreiten, und anderen im (halb-)öffentlichen Bereich viel lieber Mut schenken würde, möchte ich dennoch ein wenig aus der Dunkelheit mitteilen. Mich beschleicht nämlich der Verdacht, dass es anderen zur Zeit ganz ähnlich geht. Mein Verdacht also ist, dass dieses Syndrom gar keine neuen seelischen Probleme mit sich bringt. Hingegen werden die seelischen Probleme, die wir alle eben mit uns tragen, nur verstärkt.

Ich träume intensiver. Gar nicht mal schlecht. Es ist ein gewisser Leerlauf entstanden, der dem Unterbewusstsein Raum zu Verarbeitungsprozessen öffnet. Einige Träume sind wie man heute sagt schlicht „random“ (eben noch auf der Arbeit, plötzlich am Strand von Hawaillorca), manche bringen alte Konflikte und Ängste nochmal sehr explizit hervor. – Die Rede von der Traumarbeit schwebt mir im Kopfe herum.

Meine altbekannte Hemmung den Telephonhörer aufzunehmen (ja! – es ist ein rechteckiges Smartphone, ich gebe es gerne zu), um ein wichtiges Gespräch mit der einen oder anderen wertvollen Person zu führen, ist erheblich. – Grausame Szenen und Handlungen in Serien und Filmen gehen mir manchmal überraschend nahe. Auch schäme ich mich plötzlich, selbst wenn nur eine junge Römerin im Historienschinken den vorgespielten Orgasmus ihrer Mutter in abendlicher Runde imitiert.

Ich fühle mich von meiner Familie, manchmal auch von FreundInnen, unter Druck gesetzt. In Situationen, die sonst marginal ärgerlich wären, in Momenten, die gar nichts mit mir zu tun haben, und mitunter auch bei Dingen, die gar nicht passieren. Nur Kopfkino. – Und ich schäme mich für „männliche“ Gefühle, die meiner feministischen Ideologie zuwider laufen, wo mir sonst irgendeine queere Synthese schnell zur Hand läge.

Und ich erlebe ein neues Gefühl: Eifersucht. Diese ist mir bislang völlig unbekannt gewesen. – Glaubt niemand! Und es ist genauso, wie ich es bisher immer bei anderen beobachten konnte oder mir selbstherrlich einbildete beobachtet zu haben: der Punkt der Eifersucht ist völlig irrational, mit großer Wahrscheinlichkeit gar nicht da und wenn überhaupt ein Fünkchen Wahrheit daran ist, dann liegt mein Gefühl zielgenau knapp daneben.

Diese Krise ist leise, sie schlummert bei mir, liegt unmerklich schwer auf dem Herzen. Wie gern nur würde ich sagen, dass dies und insbesondere die gemachten Zeilen verwöhntes Geschreibsel eines Bildungsbürgers seien. – Zu viel Zeit zum Nachdenken, verkappte Geltungssucht.

Ich glaube allein, es ist anders.

Veröffentlicht in „UMBRUeCHE“, Roloff-Verlag

11 April 2020

Coronavirus Cannot Kill Our Spirit

Nabyl Khoury, Beirut

I come from the Levant, a part of this world notorious for its apparently endless rounds of bloodshed and sectarian conflict.

As elsewhere, coronavirus has brought great distress to this region, especially for those still suffering the effects of war, displacement and poverty.

But the virus has had another, perhaps unexpected effect – it has almost miraculously brought a level of equality and comradeship that I have never seen before.

It seems this crisis has the power to cross all our political, religious, ethnic and cultural differences.

In Lebanon, where I now live, an economic crunch has cut a swathe through the country since October 2019, with hundreds of businesses forced to close and tens of thousands of people losing their jobs. Despite this, citizen-led fundraising campaigns have been launched to support medical services, staff and hospitals in the fight against coronavirus.  

The three main Lebanese TV channels have also thrown their efforts behind these campaigns, with nightly reports and live broadcasts showing how people from all walks of life, rich and poor alike, donating what they can to these drives. Even children are sending their pocket money to help with this national emergency. So far nearly 20 million US dollars have been collected from ordinary people to support life-saving medical work.

In Iraq, protestors have been marching in the streets since October 2019, demanding their rights and a chance for a better life.

They were met with state repression and police brutality; many were injured and many died. But now, in the face of this new crisis, the demonstrators ceased their protests and are now actively cooperating with the government that just weeks ago were attempting to silence them.

The youth turned from demanding political change to social activism, channelling their energies into raising public awareness of the disease online and campaigning for economic measures to ease the pressure on ordinary people.

While Iraqi political oppositions, governments, and regimes are working together against this global threat in a very rare spectacle.

Elsewhere, the circumstances of this emergency have led hardline regimes to ease authoritarian measures. In Iran, for instance, thousands of prisoners, including many political prisoners, have been released from prison.

There is no doubt that such actions are also led by convenience; easier to release detainees from squalid and overcrowded conditions that to institute decent measures of hygiene and care. And in many parts of the Middle East and North Africa region – in Syria, Yemen, Libya – the almost complete absence of public health provision means that communities have no option but to do their best to help themselves.

The life-style that we as individuals, groups or even states, have developed in recent decades – based on rapid economic growth and fast-paced development – has made the world feel smaller, but simultaneously stripped many of us of our sense of community.

It was unsustainable. Our differences became bigger than our similarities, and we used our developed technologies and international systems to amass and fight for power.

It is tragic that it may have taken this terrifying pandemic to realise that cooperation is such a vital part of our future. If people all over the world can unite to respond to a universal trial, it should be possible, when this crisis eases, to move forwards in a new spirit to  peacefully resolve our challenges and differences.

This piece was published first here and Nabyl gave it with pleasure for our collection

11. April 2020

Matjö, Bonn

Nah dran!

Wir! Wir!

Klopapier!

Komm’ mir nicht zu nah!

Corona!

Ohne viel Gezeter

Abstand von 2 Meter

Komm’ mir nicht zu nah!

Corona!

Schule aus!

Alle zuhaus.

Komm’ mir nicht zu nah!

Corona!

Kneipe zu!

Was machen wir nu?

Komm’ mir nicht zu nah!

Corona!

Sehr viel Zeit.

Kurzarbeit!

Komm’ mir nicht zu nah!

Corona!

Aus jedem Haus

Viel Applaus!

Komm’ mir nicht zu nah!

Corona!

Ich und Hund

Sind gesund.

Verschwinde in die Ferne!

Du, Corona, gerne!

4.April 2020

Corona – was das Virus mit uns macht

C.B., Bonn

Die Welt im Ausnahmezustand. Ein Virus, im fernen China vom Tier auf den verletzlichen Menschen übergesprungen, hat uns im Griff, verbreitet Schrecken in Europa und macht möglich, was bis gestern unvorstellbar schien. Ärzte und Pfleger über den Rand der Erschöpfung, gequält von der Entscheidung, wem Behandlung zusteht und wer aufgegeben wird. Triage – unerhörtes Wort. Nachts fahren Militärtransporter Särge durch die Stadt.

Italien, Spanien, auch Frankreich – die Zahlen steigen, exponentiell und unaufhaltsam strebt die Kurve einem ungeahnten Gipfel zu. Virologen übernehmen die Regie, werden zu Beratern einer Politik, die plötzlich einig ist. Jenseits von Parteigrenzen und Karriereplänen arbeitet man zusammen, das Ganze im Blick, pragmatisch, schnell und doch besonnen. Vorbei sind alte Dogmen. Vorbei die Schwarze Null, vergessen der Kampf um Freiheitsrechte. Schulen geschlossen, Kontakte begrenzt, Quarantäne. Soforthilfen und Kredite mit der Gießkanne verteilt, damit die Wirtschaft stark und die Gesellschaft ruhig bleibt. Plötzlich ist alles möglich: Innenstädte wie ausgestorben, geschlossen Geschäfte, Restaurants, Spielplätze, Kirchen – über allem leuchtet das Motto: „Flatten the curve“.

Und so schnell die Welt sich ändert, so schnell wandelt sich unser Bewusstsein. Als unglaublich verlacht, als er aufkam, wird der Gedanke vorsichtig erwogen, als die Zahlen weiter steigen, und ist schon Realität. Wie schnell gewöhnt man sich ans Ungewöhnlichste? Die Macht des Faktischen, da ist sie. Ein Virus kehrt die Welt auf links. Es legt nicht nur unser Leben lahm, es stellt in Frage, was uns unverzichtbar schien. Und spannt zugleich die ganze Breite des Menschseins auf, als wäre Camus’ „Pest“ zurück: Da sind die „Ärzte“, Helfer um jeden Preis, in denen die Krise das Beste weckt. Und da sind auch sie: die Egoisten und die Profiteure der Krise. Da werden aus Krankenhäusern Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel gestohlen und im Internet zu Wucherpreisen verhökert. Da feiern Schüler und Studenten „Corona-Partys“, um der verhängten Kontaktsperre zu trotzen. „Uns trifft’s schon nicht, wir sind doch jung.“ – „Man muss doch schließlich noch feiern dürfen!“ Da gähnen leere Regale im Supermarkt, wo vorher Nudeln, Konserven und Mehl standen – und immer wieder das kostbare Toilettenpapier, gehamstert, als stünde der Weltuntergang bevor. Die Welt starrt gebannt auf die Kurve und rüstet sich zum Kampf gegen Covid19. Die so genannte zivilisierte Welt, denn was in Indien, Iran, auf dem afrikanischen Kontinent oder gar in den überfüllten Flüchtlingslagern Griechenlands geschehen wird, streift nur ein flüchtiger Gedanke, schnell zum Schweigen gebracht.

Und ich? In seltsamer Schizophrenie lebe ich meinen Alltag weiter, kämpfe mit fristgerecht fertig zu stellender Arbeit und meinen kleinen privaten Krisen. Verstehe genau, was da geschieht. Hänge täglich an den Lippen des Experten, der uns das Virus erklärt. Sehe voraus, was geschehen wird, wenn die Wirtschaft den Stillstand nicht länger zu tolerieren bereit ist. Beobachte, verfolge, reflektiere. Doch alles bleibt seltsam irreal, betrifft mich nicht. Nicht so zumindest, wie als plötzlich mitten in der Krise mein guter Freund erkrankt. Am Ende ist es weder die Krankheit noch der Verlust unserer freien Lebensart, den ich fürchte. Es ist diese kleine, private Sorge, die existentielle Ängste in mir weckt. So sind wir Menschen wohl. Unfähig, unser Handeln am großen Ganzen auszurichten, das wir zwar immer im Blick haben, aber nur als kaum beteiligter Zuschauer, klammern wir uns an das Nahe, Vertraute, Persönliche. Um die Welt zu retten, ist uns das Leichteste zu schwer. Für unser Nächstes aber würden wir fast alles geben. Ist das ein ernüchternder oder ein hoffnungsvoller Gedanke? Ich weiß es nicht. Aber so, scheint es, ist der Mensch.

4 April 2020

Brücke/ Bridge

Eva Wal

Seit zwei Wochen zuhause. Die Schulen haben geschlossen, die Cafés, Restaurants, Geschäfte, Kultureinrichtungen. Das öffentliche Leben liegt brach, weltweit. Es ist wie aus einem Science Fiction. Man soll zuhause bleiben, im Familienverbund. Das heißt mit Katze, Hund und Ehepartner im home office oder mit der Familie, der WG, aber auch alleine in einer Hochhauswohnung oder im Altenheim.
Leere Regale in den Supermärkten. Menschen hamstern und handeln panisch, egoistisch, aggressiv, oder sie zeigen Fürsorge für andere und Dankbarkeit für jene, die jetzt an der Front die Stellung halten: Ärzt*innen und Pflegepersonal, Kassierer*innen, Polizei, Müllabfuhr und viele mehr.
Ideen sprießen aus dem Boden, wie man helfen kann, um für sich selbst eine existentielle Notlage abzuwehren oder auch nur die Langeweile. Die sozialen Medien müssen nun vielfach physische Nähe ersetzen. Humor und Hass, Gier und Gemeinschaftsgeist zeigen sich neu, nicht nur im virtuellen Kosmos der Möglichkeiten.
Das Sars-Virus Covid-19, Corona genannt, hat die Welt im Griff und zwingt zu einer Generalpause.
Die Natur atmet auf, der Frühling kommt mit Macht.
Die Pandemie ist zur weltweiten Realität geworden, die sich gleichwohl abstrakt und surreal anfühlt, und deren Auswirkungen wir noch überhaupt nicht ahnen können. Alles andere ist weit in den Hintergrund der Wahrnehmung gerückt: Rassismus, Flüchtlinge, Kriege, Klimawandel, der ganz normale, globale Wahnsinn.
Wo werden wir, wird die Welt, nach dieser Krise sein?
Gibt es Hoffnung auf grundlegende Änderungen in der Gesellschaft, hin zu mehr Gerechtigkeit und Gesundung der Natur? Hin zu mehr Achtsamkeit und Bescheidenheit jedes Einzelnen vielleicht?
Es liegt an uns!

Als Kreative kann ich dankbar sein für die Auszeit. Solitäres Arbeiten kann, kenne und mag ich. Doch warum finde ich ausgerechnet jetzt keine Worte? Warum bin ich unruhig, ungeduldig und gleichzeitig gelähmt? Ich suche nach dem gewohnten Fluss der Worte, des Ausdrucks, der Transformation. Bin ich doch gesund und dankbar, auf dem Land zu wohnen, täglich durch den Wald zu gehen, mich mit Yoga fit zu halten. Doch es ist, als ob mich eine wächserne Wand umgibt, die weich erscheint, aber fest ist und undurchdringlich.

Ich möchte gerne die Zeit aufholen, sprachlich, gedanklich die Realität greifen und fassen, in eine Form einrühren, destillieren, sie fühlbar und spürbar machen. Mich mitteilen, einen Blogbeitrag schreiben. Doch die Sprache stockt. Ich bin leer.

Da kommt mir das Video passage in den Sinn, das ich nun am Ende dieses Beitrags teile. Es entstand 2017 in Lissabon im Zug während der Überquerung des Tejo.

Ich finde nur die Brücke, das Bild der Brücke, als geeignetes Symbol für das, was ich nicht ausdrücken kann.

Und da erreicht mich dieser Satz:

„Poetry can be the bridge that connects us during these difficult times“.

Die chinesisch-britische Dichterin Mary Jean Chan, geboren in Hong Kong, schrieb 2017 ein Prosagedicht mit Titel: Safe Space (II). Zur Zeit wird es weitläufig auf twitter geteilt, mich erreichte es per Mail von meinen Oxforder Dichterfreund*innen.
Erst heute, nach Ausbruch der Corona-Pandemie, realisierte Mary Jean Chan, dass es ein Sars-poem sei. Denn 2003 erlebte sie die Sars-Epidemie in Hong Kong, ihr Vater war Arzt. Heute lebt sie in England, und als Covid-19 England erreichte, fehlten auch ihr die Worte zu schreiben.

Damals, als Zwölfjährige, während der Krise in Hong Kong, waren Bücher Chans Trost und sie beschloss, Schriftstellerin zu werden. Darauf ihr Vater: “As a doctor, you can cure one person at a time; as a writer, you can heal a whole society.”

Hier ein aktueller, unbedingt lesenswerter Artikel von Mary Jean Chan im Guardian, in dem sie auch den Anfang ihres Prosagedichts Safe Space (II)* zitiert:

https://www.theguardian.com/books/booksblog/2020/mar/21/mary-jean-chan-language-must-be-the-bridge-that-connects-us-


Und hier das Video, mein bildsprachlicher Beitrag:

*
… containing a door you are allowed
to lock. Lock the door, even tough the flat
is empty and there are no mouths, no doors
that let the wild things through: wild love,
wild beauty, wild hurt, wild fear, all those
beasts and your inner voice whispering
these are the options: fight, flight or freeze

Mary Jean Chan
(Flèche, Faber & Faber , 2019)


Möge Dichtung die Brücke sein, die uns auch in guten Zeiten verbindet!

30 März 2020

Alles nur in meinem Kopf?                                              

Marcus Hartmanns, Berg

Ein bisschen abergläubig war er ja schon immer – zumindest in Bezug auf Jahreszahlen, Manche fühlten sich einfach gut an, andere eher falsch. Meist sind es die ungeraden Jahreszahlen, die sich falsch anfühlen. In den ungeraden Jahren lebte er immer auf das Ende hin, zählte die Monate und Wochen bis Sylvester und freute sich schon auf das nächste, gerade Jahr. 

So war es auch diesmal: 2019 – ein Jahr, das man erdulden musste und erduldet hatte. Ein Mord hatte ihn erschreckt: da war in Kassel der Regierungspräsident von einem Rechtsradikalen liquidiert worden, weil er Erbarmen mit Flüchtlingen gezeigt hatte und sich gegen Pegida gewandt hatte. Natürlich in einem ungeraden Jahr!  Er war entsetzt und erinnerte sich an die Morde der RAF und die damals geäußerte „klammheimliche Freude“ einiger. Das war in 1977, als er ein Teenager war. Danach rutschte Deutschland in den „deutschen Herbst“ – eine Phase, wo er plötzlich mitten in Deutschland Polizisten mit Maschinenpistolen sah und die verbale Verrohung an den Stammtischen erschreckende Ausmaße annahm. So was hatte er zuvor und nachher nie mehr erleben müssen. Aber 1977 war ja auch ein ungerades Jahr.

Und dann, am 9. Oktober 2019,  war Halle  passiert!  Halle – eine der deutschen Städte, in der es wieder eine kleine jüdische Gemeinde und eine Synagoge gab! Und dann geschah an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag das Unfassbare!  Rechter Terror gegen Juden, mitten in Deutschland! Das hat ihn traumatisiert, das konnte er nicht begreifen – und er war so froh, dass Halle irgendwo sehr weit weg von seinem Dorf war und dass er noch nie dort gewesen war, also keinerlei persönlichen Bezug zur Stadt, zur Synagoge, zur christlichen oder gar jüdischen Gemeinde hatte. So ließ sich das Trauma noch irgendwie wegdrücken…

Aber dann begann ja 2020! Voller Hoffnung startete er, mit guten Vorsätzen und der festen Überzeugung, dass er diese in diesem Jahr auch umsetzen werde. Und das alles besser werden würde: dass vielleicht Trump, Erdogan und Orban bei einem gemeinsamen Flug abstürzen würden, dass die AFD sich zerstreiten und am Ende auflösen würde, dass irgendwelche klugen Wissenschaftler etwas finden, was den Klimawandel aufhält oder wenigstens bremst. Er steckte so viel Hoffnung in das neue Jahr 2020.

Aber die verglimmte schnell! Schon im Februar erschießt wieder ein Verrückter in Hanau 9 muslimische junge Deutsche, dann seine Mutter und sich selbst. Und dann beginnt in China eine Epidemie. China gibt es für ihn nur Im TV. Er war noch nie dort, ist noch nie persönlich mit einem Chinesen in Kontakt gekommen. Es berührt ihn nicht wirklich. Er nimmt es zur Kenntnis. Allerdings verstören die Fernsehbilder von Menschen, die mit Drohnen überwacht werden, falls sie sich wagen, ihr Haus zu verlassen und an den Drohnen scheinen Lautsprecher zu sein, mit Hilfe derer die Überwacher die „Übeltäter“ sofort maßregeln können.

Das kommt ihm heute vor, als sei es schon Jahre her!  Er fühlt sich ein bisschen aus der Zeit gefallen, seitdem die Routine weggebrochen ist, seitdem aus der chinesischen Virus-Epidemie in Wuhan eine weltweite Pandemie geworden ist. Den verantwortlichen Virus nennen sie Covid 19 oder Corona-Virus.

Und seitdem sitzt er auf seinem Sofa im Wohnzimmer. Denn er darf nicht mehr zur Arbeit in seine Firma gehen und wartet, dass irgendwann das Leben weiter geht. Egal, welchen Sender er einschaltet, dem Corona-Virus kann er nicht entgehen. Jeden Tag neue Zahlen, jeden Tag neue politische Maßnahmen, die die Bevölkerung einschränken.  Diese Gleichförmigkeit macht es ihm noch schwerer, zu wissen, welcher Wochentag gerade ist. Er realisiert das neuerdings an der Fernsehzeitschrift.

Und dann die schrecklichen Bilder von überfüllten Krankenhäusern in Italien und Spanien, in denen die Menschen massenweise krepieren. In Spanien und Italien kennt er sich aus; das fühlt sich für ihn näher an als Halle. Manchmal erwischt er sich, dass Tränen über sein Gesicht laufen bei den Bildern. Ausschalten kann er trotzdem nicht! Er versucht es zu erfassen, was hier gerade geschieht – aber es gelingt nicht!

Kontaktsperre ist nun auch in Deutschland verhängt! Alle Läden sind geschlossen, außer Apotheken und Lebensmittelläden. Alle Schulen, Universitäten, alle Theater, Kinos, gar alle Spielplätze sind verrammelt. Und niemand weiß, wann sie wieder geöffnet werden,

Eigentlich fastet er immer die Wochen vor Ostern, verzichtet auf Alkohol oder Schokolade. Aber dieses Mal ist es eine echte Fastenzeit! Und niemand weiß, ob nach der Fastenzeit  auch dieses Jahr  Ostern folgt, ob auch dieses Jahr wieder die Auf-Erstehung erfolgt, ob das Leben wieder anläuft. Die Chancen stehen nicht wirklich gut… Er wartet nur auf die Meldung: Die Regierung hat sich entschlossen, Ostern auf nächstes Jahr zu verschieben, so wie die Fußball-EM und die Olympischen Spiele, so wie die vielen Veranstaltungen, die jetzt ausfallen müssen und die Urlaubsreisen, die gebucht waren.

Zwischendurch erwischt er sich aber immer wieder bei dem Gedanken, ob diese ganze Epidemie nur in seinem Kopf stattfindet. Denn real ist sie für ihn nicht erlebbar: er kennt niemanden in seinem Dorf, der am Virus erkrankt ist; und anderen Menschen begegnet er kaum noch; auch in seiner Familie melden alle, dass sie gesund sind. Das Wetter ist herrlich draußen, der Frühling drängt mit Macht; die Luft ist frisch und rein und die Vögel zwitschern. Wenn er die Medien ab sofort einfach ignorieren würde – kein TV, keine Zeitung, kein Radio – er würde nichts von einer Epidemie wissen und merken.

Wie real ist etwas, das persönlich (noch?) nicht erlebbar ist?

Etwas so Komplexes wie den Klimawandel kann er wesentlich konkreter erleben als diese Epidemie. Letztens erzählte ihm ein Nachbar, dass ein Milliardär vor Monaten  sehr viel Geld auf fallende Kurse gesetzt hätte. Ob der was mit dem Ausbruch der Epidemie zu tun hat?

Sicher eine Verschwörungstheorie!  Aber es bleibt die Zerrissenheit zwischen Wissen und Erleben. Es bleibt die aberwitzige Hoffnung, dass alles vielleicht doch nur ein schlechter Traum ist, aus dem er gleich aufwachen wird. Aber dennoch betet er – für die betroffenen Menschen und Familien und dass der Kelch an ihm vorüber geht – und an allen, die er kennt. Schließlich ist es doch ein gerades Jahr!

28 März 2020

APFELBÄUME

David Jacobs, Bonn

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge,
würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“
Martin Luther

Margit musste husten, als sie sich aufrichtete. Sie stützte sich auf den Spaten und rang nach Atem. Ihr Blick glitt über all die Menschen, die dabei waren den neuen Hain auf dem Hang hinter ihr anzulegen. Jeder arbeitete für sich. Nirgends sah man Grüppchen zusammenstehen.

“Sag mal, wann hat das eigentlich angefangen?”, rief sie hinüber zu Sergio, der sich vier Meter neben ihr mit seiner Schaufel abmühte.
“Ich hab vor sechs Wochen, das erste Mal davon gehört”
“Nein. Überhaupt, mein ich. Haben die Italiener die Idee mit den Apfelhainen gehabt?”
“Ist doch egal.”

“Komm bloß nicht näher!” rief sie zu dem jungen Mann, der eine Kiste mit Setzlingen herübertrug.
“Bist du heute Hainkönig?”
“Yepp. Ich bin der Martin”, erwiderte er.
Jeden Tag machte ein anderer den König. Jeder, der sich mit Bäumen auskannte, konnte sich auf die Liste schreiben lassen.

“Ich stell die Setzlinge hier ab. Nehmt euch, was ihr braucht.”
“Was für ´ne Sorte ist das?” wollte Margit wissen.
“ Topaz, glaub ich.”
“Lecker, mein Lieblingsapfel!”
„In drei Jahren kannst du ernten!“
„Wenn ich so alt werde.“
Ihre Stimme war durch die Atemschutzmaske nur schlecht zu verstehen.
“An apple a day, keeps the doctor away!” krächzte Sergio herüber.
“Willst du als erstes dein Bäumchen holen, Sergio?”, fragte sie.
“Bitte nach dir! Muss erst mal verschnaufen.”
Sergio hielt sich an seiner Schaufel fest. Margit sah, dass seine Hände zitterten.

Sie versuchte lässig zu der Kiste hinüber zu gehen. Aber sie musste zwischendurch stehen bleiben, um den einsetzenden Schwindel abklingen zu lassen. Dann bückte sie sich vorsichtig, um eines der Bäumchen aus der Kiste zu nehmen.
“Wann hat du dir die Seuche eingefangen?”, wollte Sergio wissen.
Sie hatte Mühe, seine Worte zu verstehen.
“Vor vier Wochen”, erwiderte sie.
“Ich hatte erst nur ein bisschen Husten.” Margit strengte sich jetzt an, damit er sie trotz Maske verstand. “Der Doc sagt, ich wäre inzwischen wieder gesund. Aber ich fühl mich immer noch total schlapp. Und bei dir?”
“Vor zwei Wochen wollte Dr. Mey mich in die Klinik bringen lassen. Aber sie hatten keinen Platz.”
“Und dann?”
“Habe sie mich einfach wieder nach Hause geschafft.” Sergio zuckte mit den Achseln. “Dr. Mey war dagegen, dass ich herkomme. Aber ich wollte unbedingt noch meinen Baum pflanzen!”
Er scharrte weiter an seinem Loch. Früher wäre das eine Sache von fünf Minuten gewesen. Höchstens.
Sergio drehte sich abseits, um kurz die Atemmaske zur Seite zu schieben. „Ich hasse diese Dinger“, rief er Margit zu und atmete gierig die kalte, ungefilterte Morgenluft.
“He! Maske aufsetzen!” gellte eine scheppernde Megafonstimme vom Aufsichtsturm herüber. Sergio hob beschwichtigend die Hand.

“Kommt mir vor, als müsste ich einen Tiefbrunnen ausschachten”, sagte er zu Margit.
“Spatentief reicht, hat Martin gesagt”, erwiderte Margit.
Sergio strauchelte, als er versuchte, das bisschen Erde am Grunde seines Pflanzlochs zusammenzuscharren.
„Scheisseschwer dieser Boden!“, keuchte er.
“Alles klar bei dir?”, rief Margit besorgt.
“Geht schon. Es dreht mich manchmal”, antwortete er mit schwacher Stimme und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

“Ich stell euch zwei Gießkannen hin”, rief Martin jetzt herüber. “Gießt das Wasser in das Pflanzloch. Der Wurzelballen muss klatschnass sein, bevor ihr die Erde wieder reinschippt.”
Als Margit ihre Gießkanne holen wollte, sah sie aus dem Augenwinkel wie Sergio zur Seite wegsackte. Seine Schaufel fiel klappernd neben ihm auf den Boden.
„Martin! Sergio ist umgekippt!“
„Bleiben Sie, wo Sie sind!“, rief die Megafonstimme, als Margit zu ihm hinlaufen wollte.
„Bringen Sie sich nicht in Gefahr. Wir holen ihn gleich ab!“

Es dauerte lange, bis zwei in Schutzanzügen vermummte Helfer mit der Tragbahre kamen.
„Ich ruf dich an, Sergio“, rief sie ihm nach, als er davongetragen wurde.
Margit dachte, sie hätte noch gesehen, wie er die Hand hob. Aber sie war sich nicht sicher.

„Kann ich helfen?“, fragte Martin, als er nach einer viertel Stunde noch einmal vorbei kam.
„Ich pflanze seinen Baum, wenn ich mit meinem fertig bin“, sagte sie.
„Aber mach langsam“, rief er ihr zu. „Übernehm´ dich besser nicht.“
„Geht schon. Ich lass mir Zeit“, stieß  sie unter ihrer Atemschutzmaske hervor.

Vier Wochen später wurde Sergio entlassen. Er habe ziemliches Glück gehabt, sagte Dr. Mey als er zum Hausbesuch kam.
„Was ist eigentlich aus dieser Margit geworden?“ Er schaute ihn fragend an. „Sie waren doch gut befreundet, oder?“
„Sie hat es leider nicht geschafft“, antwortete Sergio. 
„oh, das tut mir leid.“
Sie schwiegen und Dr. Mey wusste nicht, wie er das Gespräch beenden könnte.
„Übrigens. Luther hat das nie gesagt, das mit dem Apfelbaum. Ich hab das gestern Abend nachgeschaut“, sagte er schließlich leise.
„Ich glaube, es ist besser, wenn Sie jetzt gehen, Dr. Mey“, sagte Sergio.

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